Kultur : Amerika vor dem Terror: Einladung ins Weiße Haus

"You know[we are ignorants. But we can do everyth]

Umberto Ecos neuer Roman-Held Baudolino erzählt Lügen, um in Zeiten der politischen und religiösen Kriege Frieden zu stiften. Weil die reine Wahrheit, wenn es sie überhaupt gibt, in Krisen oft grausamer und verheerender wirke als eine diplomatische Finte, als eine taktische Täuschung. Über eben das wird man nun auch im Pentagon nachdenken und im Weißen Haus. Wir aber gleichen, da vieles nicht mehr gewiss und geheuer ist in Erwartung eines Schlags, wir gleichen in diesen Tagen dem Publikum auf einem erst spät berühmt gewordenen Gemälde des deutschen Malers Richard Oelze. Heute hängt das Bild im Museum of Modern Art in New York. Es zeigt eine Versammlung von Stadtmenschen in der Natur, und alle sind sie Gebannte, aufblickend in einen tiefen, von sonderbar bedrohlichem Gewölk verschatteten Himmel - Oelzes Bild heißt: "Erwartung" (gemalt 1936).

In dieser Zwischen-Zeit möchte ich Ihnen trotz allem eine wahre Geschichte erzählen. Aus einer anderen Zeit. Auf einer privaten Party in New York hatte ich Marilyn kennengelernt. Sie arbeitete in Washington, war eine brillante junge Juristin und damals Rechtsberaterin des amerikanischen Vize-Präsidenten. Mit ihrem Freund verbrachte sie ein Wochenende in New York. Als sie hörte, dass ich demnächst zwei Tage in Washington sein würde, zum ersten Mal in der Stadt, sagte sie: Besuch uns doch mal im Weißen Haus!

Ich dachte, es sei ein Scherz. Doch Marilyn gab mir ihre Telefonnummer, für alle Fälle. Samstagmittags landete ich in Washington - schon damals verwundert, wie nah die Einflugschneise am Pentagon liegt. Vom Hotel im Watergate-Komplex rief ich Marilyns Nummer an, und es meldete sich: "The White House. Can I help you?"

Das war 1979, und wir Bundesbürger hatten noch "Deutschland im Herbst" im Kopf, vor allen Ministerien standen bei uns Schützenpanzer, dazu die Kontrollen auf Straßen und Flughäfen, und seit damals wird bei Start und Landung in den Maschinen die Kabinenbeleuchtung gedimmt: weil Kleinraketen auf Licht und Wärme reagieren. Auch in San Francisco hatte ich erlebt, wie bei Jimmy Carters erstem Besuch als neuer Präsident Scharfschützen in den Gullys postiert waren. Und jetzt sagte Marilyn, nimm dir ein Taxi und fahr zur Pforte des English Building. Das ist ein klassizistischer Bau neben dem Weißen Haus, Sitz der Stabsabteilungen und des Vize-Präsidenten. Dort zeigte ich einem Wachhabenden meinen Pass und nannte Marilyns Namen; er telefonierte, ein weiterer Wachmann bat, ihm zu folgen. Marilyn empfing mich im Amtszimmer des Vize-Präsidenten, denn Fritz Mondale, Carters Stellvertreter, war gerade übers Wochenende verreist. Kein Arbeitstag, Weekend-Stimmung im Herzen der Weltmacht - und jene amerikanische Freundlichkeit und zivile Gelassenheit, die, trotz aller Waffennarren, viel eher zu diesem Land passt als martialische Posen.

"Soll ich dir ein bisschen das Weiße Haus zeigen?" Marilyn führte durch ein paar Korridore und einen Verbindungsgang in den angrenzenden Westflügel des White House; dort liegen die Arbeitszimmer des Präsidenten. Anders als das eher büronüchterne oder schwergewichtig holzgetäfelte Innere des English Building gleicht der Präsidentensitz einem intimeren Landpalais. Cremefarbene Tapeten, bis heute, an den Wänden damals graziöse Stiche, Jagdszenen, kleine Historien, neuenglischer Stil. Bill Clinton mit seiner Monica hatte es schwer: Alles parterre, die schusssicheren Fenster ohne Vorhänge und diese fast familiäre Enge, wo auch dem Besucher samstags mal eben Zbigniew Brzezinski, der Nationale Sicherheitsberater, kurzärmlig und leutselig auf dem Flur begegnet. Im Oval Office vor dem blanken Präsidentenschreibtisch dann eine rote Kordel, wie im Museum. Bei Carter war es John F. Kennedys Schreibtisch, und man denkt an die Bilder der beiden Brüder während der Kuba-Krise, an den kleinen Johnjohn unterm Tisch. Lauter Tote.

Nur einmal bittet uns ein Wachmann vor dem Durchgang zur Mittelhalle des Hauses, ein paar Minuten zu warten: "The President is moving." Vor einem Fenster zum Rosengarten huscht erst Töchterchen Amy, dann Jimmy Carter in kurzen Hosen vorbei, joggend. Draußen im Park sage ich Marilyn, wie sehr ich staune über diese Offenheit. Nach allen Präsidentenmorden und Attentaten. Sie antwortet, im Zentrum der Macht sei es wohl wie im stillen Auge des Hurricans. Sie selbst gehöre zu etwa 80 Mitarbeitern des Präsidenten, die vorher so intensiv gecheckt worden seien, dass man ihnen danach vollkommen vertraue. Zum Selbstverständnis der amerikanischen Demokratie gehöre eben, dass nicht Lenin Recht behalte - mit der Folgerung " ... Kontrolle ist besser". Auch insoweit waren die Anschläge des 11. September ein Attentat auf ein Stück amerikanischer Identität.

Im Press Office fragte ich später nach einer deutschen oder europäischen Zeitung. Ich war schon drei Wochen in den USA, in einer Zeit noch ohne Handys und Internet. Marilyn hatte zuvor einiges über die phänomenalen Kommunikationstechniken des White House erzählt. Doch eine nicht-amerikanische Zeitung fand sich hier nicht. Und dann kam die lachende Entschuldigung: "You know, we are ignorants. But we can do everything!" Ein Schlüsselsatz, wohl heute noch.

Bis zum Beweis des Gegenteils.

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