Kultur : Amerikanische Nacht

Theater der westlichen Welt: „House of No More“, eine Uraufführung im Berliner Hebbel am Ufer

Rüdiger Schaper

Die USA sind ein Land der zehn, der zwanzig, der hundert Gebote. Du sollst frei sein. Du sollst nicht rauchen. Du sollst Waffen tragen dürfen. Du sollst die Welt retten. Du sollst glücklich sein. Die Big Art Group rast wie ein führerloses Auto durch diesen Schilderwald. Caden Manson, der Kopf der New Yorker Performance-Gang, stammt aus der Werbebranche. Er macht ein Theater jenseits europäischer Nervenzusammenbrüche und holt auch noch locker David Lynchs Nachtfahrten ein.

Du sollst nicht nach Bedeutung fragen. Das neue Stück „House of No More“, uraufgeführt im Berliner Hebbel am Ufer, wirkt wie eine Wahrheitsdroge. Eine Frau sucht ihre verschwundene Tochter. Die Frau, so blond, dass man bei jedem ihrer Sätze Verdacht schöpft, hat Doppelgängerinnen. Sie kann auch nicht mehr sicher sagen, ob sie das Kind wiederhaben will. Der Teufel fährt ihr in den Leib: ein Animateur in einem Urlaubshöllenparadies, Florida vielleicht. Lügen, Lügen. Wer hier nur ein Wort glaubt, glaubt auch an Massenvernichtungswaffen.

„House of No More“ besitzt die nackte Schönheit eines industriellen Wunderwerks. Als hätte Andy Warhol mit seinen „Desasters“ einen Disney-Themenpark gestaltet. Ein halbes Dutzend hochprofessioneller Darsteller, Sprecher, Techniker in einem giftgrünen Kasten. Bewegliche Videowände, Kameras. Requisiten: ein Türgriff, eine Pistole, eine Nachttischlampe, ein Lenkrad. Wie die Big Art Group diesen einstündigen Crash-Test abrollen lässt, im Stil eines unendlich verzögerten Autounfalls – oder eines Liebesakts?! – raubt einem die Luft. Ein Mix aus High Tech, Kindertheater, Laterna Magica. Sex ist eine Sache. Ohne Berührung, ohne Blickkontakt. Ein Zaubertrick mit abgehackten Gliedmaßen. Die alten Surrealisten hätten gejubelt über diese ebenso hysterische wie präzise Transformation von Mensch, Material und Perspektive.

Caden Mansons „House of No More“, bis zum 21. Oktober im HAU 2 zu sehen, danach auf Festivals in Frankreich und Italien, besitzt eine untergründige politische Dimension. Ob und wo das Stück in den USA gezeigt werden wird, scheint noch offen. Mit dem Vorwurf der Pornografie ist man dort schnell bei der Hand. Das eigentlich Unheilvolle liegt in der Art und Weise, wie diese TV-Sprache jeglicher Kommunikationsmöglichkeit beraubt ist. Ein fast schon totalitärer, privatistischer Nachrichtenton liefert den betäubenden Soundtrack. Man bekommt bei Caden Manson eine Ahnung davon, warum viele Amerikaner ihre brandgefährliche Isolation genießen und noch ausbauen wollen.

Michael Stipe, der Sänger der Supergruppe R. E. M., sagte jüngst in einem „Spiegel-Online“-Interview: „Wir sind grundsätzlich ein ziemlich gewalttätiges Volk. Die USA sind ein sehr junges Land, ein Teenager. Und wir benehmen uns auch so. Wir sind arrogant, selbstverliebt, halten uns für die größten, für unsterblich und wissen alles besser als die anderen.“ – „House of No More“ dringt tief ein in die Welt der großen Teenager. Und ist selbst ein Teil davon.

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