Kultur : Amerikanische Reaktionen zum Auftakt der Berliner Republik

Robert von Rimscha

Weil die Berliner Republik nicht mit Prunkparaden den "17. Juni" oder die "Linden" herunterrollt, sondern sich so von Berlin aufsaugen lässt, wie die Hauptstadt dies mit ihren Neubürgern seit jeher zu tun pflegt, hat Amerika ein Problem. Neues, das sich zaghaft in den Nischen festsetzt, "Bonner", die Fränkisch sprechend vor dem Moabiter Innenministerium sitzen und auch nicht viel anders aussehen als der Sparkassenmensch von nebenan - sie alle entsprechen so gar nicht dem angelsächsischen Klischee, wie man Hauptstadt macht und einweiht. So ist Amerikas Echo auf die ersten Wochen der Berliner Republik nach dem Regierungsumzug eher verhalten.

Allerdings begann der Deutschland-Sommer in der US-Presse bereits mit der Love Parade. Normalerweise wird jenseits des Atlantiks Berlin nicht als typisch deutsches Problem, sondern als typisch deutsche Zukunftshoffnung bewertet. Diesmal war es umgekehrt. "Eine neue Art von Blitz" schrieb die "Washington Post" über den Bericht ihres Deutschland-Korrespondenten William Drozdiak. Die Love Parade "schien den historischen Schatten der Stechschritt-Soldaten zu überwinden". Sie "schien". Mehr nicht. Und in den ersten drei Absätzen seiner Reportage über die jungen Raver bringt Drozdiak auch die Vokabeln "Nazi", "Militarismus", "Preußen", "militärische Siege" und "19. Jahrhundert" sämtlich unter.

Selbst wenn "Lola" in die US-Kinos rennt, verzichten manche amerikanische Filmkritiker nicht auf stereotype NS-Assoziationen. Doch diese bedingten Reflexe setzen ihrerseits deutsche Reaktionen frei - was der US-Publizist Jacob Heilbrunn bei einer Podiumsdiskussion in Washington kürzlich so beschrieb: "Die Deutschen sind einfach zu dünnhäutig. Jedesmal, wenn in einem US-Bericht über die Bundesrepublik das Wort Nazi vorkommt, schreien sie gepeinigt auf. So bleibt der Nazi natürlich erst recht am Leben."

Der Umzug der Regierung war in den USA weniger ein Thema als die Stadt, die die Mächtigen jetzt beherbergt. Kanzler Schröders Satz, Berlin sei "eine der großen Weltmetropolen", wurde von amerikanischen Beobachtern als "diplomatische Übertreibung" bewertet: "Berlin bleibt Baustelle, von ökonomischer Aktivität ist nicht viel zu spüren, an schicken Einkaufsstraßen gibt es ein oder zwei, und Direktflüge in die USA werden noch nicht angeboten." Doch Roger Cohen, Deutschland-Korrespondent der "New York Times", milderte mit einem gnädigen Blick in die Zukunft ab: "Was Berlin hat, ist etwas anderes, eine Atmosphäre der Öffnung und der Offenheit, Potenzial."

Den zwei Seelen in Fausts Brust hat Cohen auch in Weimar und Buchenwald nachgespürt, eine Reise, die ihn von der "kulturellen Ungewissheit jenes Landes, das seinen Schwerpunkt zurück nach Berlin verlegt", überzeugt hat. In einem Aufsatz vor drei Tagen aber unter der Überschrift "Die Deutschen wollen ihre Geschichte zurückhaben" beleuchtet Cohen kritisch die "Amerikanisierung des Holocaust" und registriert unter anderem die Enttäuschung von US-Touristen, die in Buchenwald Gaskammern erwarten. Cohen hat sich auch die umstrittene Ausstellung zum "Aufstieg und Fall der Moderne" mit der Gegenüberstellung von NS-Kunst und Bildern aus der DDR angeschaut und kommt zu dem Schluss: "Unter der ersten Regierung, die aus Nachkriegskindern besteht, sieht sich Deutschland eindeutig reif dafür, den Schleier über der Vergangenheit zu lüpfen."

Die jüngste Diskussion um die Veröffentlichung der Eichmann-Aufzeichnungen nimmt die Kolumnistin und Buchautorin Tina Rosenberg in der "New York Times" zum Anlass, der Frage nachzugehen, ob noch heute ein deutsches "Unterwürfigkeits-Gen" existiere. Ihre Antwort ist zwiespältig. Rosenberg sieht latente deutsche Obrigkeitshörigkeit in der früheren DDR und in der Alltagskultur des vom Westen dominierten wiedervereinigten Landes: "Niemand isst in der U-Bahn; wer bei Rot über die Straße geht, wird verachtet; eine Bewegung wie Solidarnosc hätte Deutschland nie hervorgebracht." Gleichzeitig beteuert Rosenberg: "Eichmann irrte über die Natur der Deutschen." Würde der Organisator des Holocaust noch leben, er würde sein Land nicht wieder erkennen. Ein Staat, der 7000 eigene Bürger wegen Kriegsverbrechen verurteilt habe, dürfe auf ein Maß an Selbstkritik stolz sein, "dem keine andere Gesellschaft auch nur nahe kommt".

Nur gelegentlich haben US-Beobachter den Blick jetzt auch nach vorne gerichtet. Selbst in den neueren Berlin-Beschreibungen dominieren historische Streifzüge durch die bewegten Phasen deutscher Geschichte. Die "New York Times" hat zwei Berlinerinnen aus dem Wedding und Prenzlauer Berg vorgestellt, die bei Kriegsende 18 Jahre alt waren, die Trümmer räumten und Freundinnen wurden. Beide, Waltraut Neumann, nach dem Mauerbau im Westteil, und Wally Müller, von 1961 an vom Westen abgeschnitten, heirateten 1952 und waren Paten für die Kinder der jeweils Anderen. Von 1961 bis 1976 bestand nur Briefkontakt.

Die Müllers waren keine SED-Mitglieder, die Neumanns wurden nicht reich. Dem US-Beobachter erscheint vor allem die Verbitterung der Neumanns als symptomatisch für die Seelenlage älterer Deutscher aus der Arbeiterschaft. Waltraut Neumann und ihr Mann Willy wählen manchmal Republikaner, manchmal Graue Panther, sie schimpfen über zu niedrige Renten, zu viele Türken in Wedding und zu wenig Arbeitslosenhilfe für ihren Sohn. Und die Neumanns verstehen nicht, warum Wally Müller sagt, in der DDR habe sie besser gelebt als nach der Wiedervereinigung. Umgekehrt versteht die Ex-DDR-Bürgerin nicht, wieso ihre West-Freundin sich über alles so aufregt. "Verzogen" habe der Westen die Menschen, glaubt sie. Beim gemeinsamen Urlaub in Österreich hat die alte Frau aus dem Westen sich ständig über alles beschwert, und ihre Freundin aus dem Osten hat den Kopf geschüttelt.

Die "New York Times" widmete den beiden Damen eine ganze Seite. Die mentalen Verwerfungen zwischen Ost und West, zwischen Deutschen und Ausländern, Alten und Jungen - sie fallen hier zusammen. Beobachter aus Amerika finden, dies sei der wesentliche Kontext, dem sich nun auch das offizielle Regierungs-Deutschland ausgesetzt sehe: "Womit Herr Schröder in Berlin konfrontiert wird, sind, im Kern, die vergangenen Teilungen Deutschlands."

Der Zukunft trauen die Kritiker aus den USA offenbar noch nicht. Was Berlin angeht, sieht die amerikanische Presse den symbolträchtigsten Kampf im Kaufhof am Alex vor sich gehen. Ladenschluss und Sonntagsverkauf oder nicht: dies sei zur Symbolfrage deutscher Wandlungsfähigkeit geworden. Wobei Amerikaner nicht ohne Spott vermerken, dass die Deutschen oft die falsche Mess-Skala anlegen. Den Sonntag über die Läden geschlossen zu halten, um den Kirchgang nicht zu stören, ist für US-Bürger ein absurdes Konzept. In Amerika sind sonntags die Läden offen und die Kirchen voll; in der Bundesrepublik bleiben die Gänge zwischen den Regalen bislang ebenso leer, wie es die Holzbänke in den Gotteshäusern sind.

Als neue Metropole hat Amerika freilich nicht nur Berlin, sondern auch Bonn entdeckt. Nachdem die Amerikaner aus ihrer einstmals größten Auslandsvertretung ausgezogen sind, kommen jetzt die Computerfirmen. Die "invasion of the nerds", das Silicon Valley am Rhein - das wahrhaft neue Deutschland scheint vielen Amerikanern am Westrand der Republik zu liegen. "Ex-Weltstadt setzt auf virtuelle Zukunft", hieß ein Beitrag. Vielleicht haben die Publizisten aus den USA ihre Berliner Entdeckungen noch vor sich.

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