Kultur : Amok im Aquarium - Zum 70. Geburtstag des Malers

Ronald Berg

Dass sein avantgardistischer Gestus als Partisan einmal auf ihn selbst zurückfallen würde, war eine neue, wenngleich abzusehende Erfahrung. Nur die Form war ungewöhnlich. Der Übermaler wurde übermalt. Als 1994 in Arnulf Rainers Atelier in der Wiener Kunstakademie 36 seiner Bilder im Wert von über 3 Millionen Mark mit schwarzer Farbe - ganz im Stile Rainers - überstrichen aufgefunden wurden, fragte man sich: Ein Attentat oder eine Kunstaktion? Rainer jedenfalls fand die Sache gar nicht komisch und stellte Strafantrag. Doch was konnte er dagegen sagen? Hatte er nicht einst selbst eigenmächtig das Bild einer Konkurrentin mit Farbe übermalt (und dies später bereut)? Hatte sich Rainer also selbst einen PR-Gag einfallen lassen? Ein halbes Jahr nach der Tat erstattete die Wiener Polizei Anzeige gegen Rainer wegen Verleumdung und Vortäuschung einer Straftat. Aufgeklärt wurde der Fall nie.

Rainer, heute vor 70 Jahren in Baden bei Wien geboren, nahm die Malerei immer schon sehr ernst. 1944 verließ der Knabe - so die Legende - die NAPOLA im österreichischen Traiskirchen wegen eines Streits mit seinem Zeichenlehrer. Rainer wollte Künstler werden. Nach dem Krieg, nach abgebrochenen Studien unter anderem an der Wiener Akademie versucht er sich zunächst in den Stilen des Informel, des Phantastischen und Konkreten. 1951, nach einem Besuch bei André Breton, bricht er mit dem Surrealismus. Einflussreich wird 1953 die Begegnung mit Monsignore Otto Mauer, Gründer der Galerie (Nächst) St. Stephan und größter Promoter der Avantgarde in Österreich. Im gleichen Jahr beginnt Rainer mit seinen Übermalungen. Es ist wie eine Lösung auf die Frage nach dem Absoluten in der Kunst, der er sich verschrieben hat. Das Auslöschen fremder und eigener Werke mit schwarzer oder roter Farbe ist ein Akt der Erlösung. Die Leere ist die in die Nachkriegszeit passende Antwort auf den Verlust der Metaphysik in der Kunst. Die Malerei wird beerdigt, sein Malen gerät zur "Abtötung". Frivol erklärt sich Rainer zum "Lustmörder der Kunst". Und doch kommt er von der Malerei nicht los, anders als die Wiener Aktionisten, mit denen er nur kurz liebäugelt.

In den sechziger Jahren macht Rainer Malexperimente unter Drogeneinfluss, bei denen sogar wieder Figürliches zurückkehrt, mit Fingern und Füßen traktiert er die Leinwand, um wieder Leben in die Kunst zu bringen. Fortab gibt es zwei Pole im Werk des Arnulf Rainer: die beruhigende Übermalung und den affektiv-eruptiven Gestus, die Negation der Negation. Beides ist nicht mehr zu trennen. Rainer widerruft: "Ich wollte nie zerstören", meint er in den siebziger Jahren. Seine neuen Übermalungen, etwa von Totenmasken, von Fotos des Schauspielers Bernhard Minetti oder von eigenen "Body Poses", zeichnen dem Abbild eine nervige Aura ein, die das Tote mit neuer Energie auflädt - die extreme Mimik als Widerpart seines gestischen Zeichenduktus.

1981 wird Rainer Professor an der Wiener Akademie. Spätestens jetzt gilt er als bedeutendster österreichischer Künstler der Nachkriegszeit. Unlängst aber relativierte er seine Arbeit selbstkritisch. Er habe die unendlich wiederholten Übermalungen "langsam satt". Sein Malen sei "alles nur Ateliertänzelei um ein Häufchen Farbbrei, höchstens ein Amokschwimmen im Zimmeraquarium" gewesen. Mit diesem Abschied vom Absoluten in der Kunst befindet sich Rainer wieder auf der Höhe der Zeit.

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