Kultur : Amok und Elite

Der Theatertreffen-Stückemarkt sucht Sprengstoffe in der Gesellschaft

Jan Oberländer

Nichts zu hoffen, nichts zu sagen, nichts zu tun. Es könnte Columbine sein oder Neukölln, hier ist es die ostdeutsche Provinz, auch wenn nie Erfurt gesagt wird. Jungsein zwischen verständnislosen Eltern und Lehrern mit IM-Akte. E, T und C heißen die drei Figuren in Thomas Freyers Stück „Amoklauf mein Kinderspiel“, sie spielen alle Rollen, aber die der Eltern und Lehrer spielen sie vor. Comichaft, ironisch. Für die Jugendlichen gibt es nur einen Weg aus dem Nichts: „Ich bin eine große Sache. Die Katastrophe.“ Die Figuren rüsten auf, legen Mikroports an. Einer schneidet Augenlöcher in seine wollene Zipfelmütze, ein deutscher Amok-Michel. Dann geht es schnell, Kopfschüsse, Bauchschüsse, die EgoShooter-Virtualität bemächtigt sich der Wirklichkeit: „Headshot!“

Mit seiner verstörenden Täterperspektive hat Freyer, geboren 1981 in Gera und der Jüngste beim Stückemarkt, den mit 5000 Euro dotierten Preis für Neue Dramatik gewonnen. Freyers Text, so die Jury, gibt „der Sprachlosigkeit eine Sprache, fördert die Selbsterkenntnis und macht Angst“. Eine gute Wahl, auch wenn das Stück bei allem inszenatorischen Sprengpotenzial sehr plakativ bleibt.

Der Stückemarkt des Theatertreffens will ein Sprungbrett für junge Dramatiker sein, Freyer hat den Sprung bereits geschafft: „Amoklauf mein Kinderspiel“ wird am 28. Mai am Nationaltheater Weimar uraufgeführt. Für den Stückemarkt hatten sich diesmal 557 Dramatiker beworben, das fünfköpfige Auswahlteam las, so die anschauliche Selbstdarstellung, über 20 Kilo Papier. Mit den sechs Stücken, die schließlich übrig blieben, zeigte der Stückemarkt als Festival im Festival eine eigene thematische Tendenz. Alle Arbeiten, so stellte die Preisjury fest, nahmen sich in jeweils sehr unterschiedlicher Form des „Versagens der gesellschaftlichen Sicherungssysteme“ an und der gleichzeitigen „Hilflosigkeit der Helfer“.

„Das ist verdammt nochmal eine ganz andere Welt jetzt“, schreit eine Figur in Anders Duus’ „Alles muss raus“. Ein globaler Konzern lässt eine Kleinstadt ausbluten, die Stadt soll einem Wellnesszentrum weichen. Die Guerilla in Trainingsanzügen, die die Räumung der Stadt verhindern will, weist auf eine weitere Tendenz: Selbstverteidigung. Nicht nur in diesem Stück geht es um Würde und um den Traum von so was Ähnlichem wie einem selbstbestimmten Leben. Die Stadt wird zur Festung, wie Freyers Schule.

Irgendwann muss man sich eben entscheiden. Der Brite Paul Jenkins lässt seine Figuren sagen: „Du musst dich definieren.“ In seinem irrwitzigen Stück „Natürliche Auslese“ geht es um tumben Lokalterrorismus gegen Globalisierung und „schwule Juden“, um Kommerz und Gentechnik, und am Ende findet der Protagonist Mr. Brain seine Unschuld wieder: Er rettet sich selbst, indem er eine Maus rettet.Ein noch netteres Happy End findet sich auf dem Hinterhof von Thomas Melles Stück „Licht frei Haus“. Da schweißt der Widerstand gegen den drängelnden und gängelnden Staat eine Hausgemeinschaft aus nur scheinbar Asozialen fest zusammen, das Grillfest im Hinterhof wird zur verteidigenswerten Utopie, zum kleinen richtigen Leben im großen falschen. Neue Kleinbürgerlichkeit in der Jogginghose? Der Sozialarbeiter schaut sehnsüchtig zu.

Auch Tomo Mirko Pavlovic lässt in „Der alte Tänzer und ich haben Liebe gemacht“ die Generationen aufeinander prallen. Der Staat quartiert ein Altentrio in die Wohnung eines jungen Wohlstandspaars ein. Weil die junge Protagonistin mit ihrem Luxusleben ebenso unzufrieden ist wie mit ihrem Machomann, flüchtet sie sich zu dem rüstigen Alfons, einem Frauenversteher alter Schule. Das Stück ist auf Pointe gestrickt, temporeich, hochunterhaltsam. Dass es das Klischee „Alter Mann, junge Frau“ reproduziert, die umgekehrte Möglichkeit jedoch lediglich als Scherzgrundlage herhält, dürfte dabei nicht stören. Und auch nicht, dass es jede gute Idee doppelt und dreifach ausspricht, ohne letztlich viel zu sagen.

Etwas fürs Herz ist Nikolai Khalezins „Die Ankunft“. Ein Stück, das unter der weißrussischen Zensur entstand und zunächst brav wirkt, das aber eine ganz große Umarmung des Lebens mit allen seinen Stationen darstellt, ein seelenvoller, verschmitzter Text, obendrein mit einer Riesenportion trauriglustiger Akkordeonmusik präsentiert. „Wenn ich die Elite bin“, lässt Khalezin seinen Protagonisten fragen, „warum geht es mir dann so dreckig?“ Die Antwort ist einfach: „Elite sein ist keine Ehrenpflicht, sondern grenzenlose Verantwortung.“

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