Amokläufer : Kinder ihrer Zeit?

Sind Amokläufer ein Spiegel unserer Gesellschaft? Zwei lesenswerte Analysen legen die Vermutung nahe.

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Ein Ort, ein Symptom? Die Albertville-Realschule in Winnenden.
Ein Ort, ein Symptom? Die Albertville-Realschule in Winnenden.Foto: ddp

Seit etwa fünfzehn Jahren ist der Amoklauf in den USA und bei uns zu einem Phänomen geworden, das Entsetzen, Ratlosigkeit und alle möglichen Deutungsversuche sogenannter Experten nach sich zieht. Der Psychologe und Psychotherapeut Georg Milzner behauptet, bisherige Analysen griffen zu kurz und erfassten das Phänomen nur ungenügend. Weder kriminologische noch biografische Deutungen erklärten alle Abgründe. Vielmehr müsse man einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz nehmen. Milzner sieht den „Amoklauf als Symptom einer zerbrechenden Gesellschaft“, so der Untertitel seiner essayistischen Studie.

Der moderne Amokläufer sei zu „einem Teil der Bildwerke geworden, die unsere Öffentlichkeit illustrieren“, behauptet Georg Milzner. Amokläufer seien „Kinder ihrer Zeit“, schreibt Milzner. Um zu begreifen, ginge es „einfach um unser aller Verlogenheit“. Strukturelle Gewalt finde schließlich auf vielen Ebenen statt und werde weitgehend geduldet. Und der Psychologe benennt „Störungsbilder im Management“ und sieht Ähnlichkeiten zwischen, so Milzner, „narzisstischen Problematiken auf dem Führungssektor“ der Gesellschaft und den Merkmalen ausrastender Gewalttäter. „Dem klinisch zugrunde liegenden Störungsbild des Amokläufers irritierend verwandt“, führten auch Manager „ihren Krieg nicht für das Volk oder die Gemeinschaft, sondern, wie die jüngsten Entwicklungen nahelegen, mitunter sogar gegen sie, indem sie sich an seinen Ressourcen vergreifen“.

Georg Milzner spricht vom „Leitbildcharakter“ von Filmen und Medien und beleuchtet wiederholt Szenen und Heldengestalten aus dem Kino. Er skizziert verschiedene Typen in der Politik. Er ist dem „Unbewussten einer Kultur“ auf der Spur und übt kräftige Kapitalismus- und Zivilisationskritik. Er richtet seinen Blick immer wieder in die USA und spricht bereits im Titel von einer „amerikanischen Krankheit“. Und er belässt es im Schlussteil nicht beim Befund, sondern gelangt zu „gesellschaftlichen Prophylaxemaßnahmen“, wie das letzte Kapitel benannt ist.

Milzner schlägt „kommunikative Trainings für Notfälle für Lehrer und sozial Tätige“ vor; er fordert „Gedenkstätten für Getötete“, um ein Innehalten, eine Besinnung zu ermöglichen; er lehnt die negativen „Heldengalerien“ mit reichhaltiger Bebilderung in den Medien ab, plädiert für „ein mediales Ignorieren der Täter“ und verzichtet deshalb in seinem Buch auf die Namennennung von Amoktätern. Schließlich fordert der Psychologe nichts weniger als ein radikales Umdenken in unserer Gesellschaft. Wie wäre es zum Beispiel, führt er aus, wenn ziviler Ungehorsam mehr Wert bekäme in unserer Gesellschaft? „Gelänge es uns, das Bild des Outlaws aus Rechtsempfinden neu zu beleben und zu füllen, so könnten wir womöglich die Leerstelle, auf die der Amokläufer verweist, füllen. Er, der Angepasste ohne Größe und der Rebell ohne Mut, so asozial wie mancher Topmanager, nur ohne dessen Kontostand, ein Träumer der falschen Träume und Narziss ohne Spiegel, läuft, indem er Unglück verbreitet, selbst an seinen Möglichkeiten des Glücks vorbei. Möglichkeiten, die durchaus welche des Kampfes sind, allerdings eines Kampfes miteinander für etwas anstatt gegen alle, und mit der Aussicht auf das, was sich jeder einsame Räuber ersehnt: den Respekt und die Beute, auf die kein Störtebeker je verzichten will.“

Georg Milzner packt seine Überlegungen und Analysen nicht in griffige Thesen, sondern tastet sich vielmehr fragend und essayistisch voran. Man muss nicht mit allen Überlegungen Milzners übereinstimmen, und der fachfremde Leser mag sich an allzu tiefgehenden psychoanalytischen Deutungsmustern stören. Doch Georg Milzner hat ein anregendes und nachdenklich machendes Buch vorgelegt. Eines, das über die Deutung verstörender Amokläufer weit hinausreicht und jeden Einzelnen zum Innehalten auffordert.

Ganz anders ist das Buch des Journalisten Jochen Kalka, das pünktlich zum zweiten Jahrestag von „Winnenden“ vorgelegt worden ist. Die schwäbische Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart wurde am 11. März 2009 zum Synonym. Ein 17-jähriger ehemaliger Schüler erschoss in seiner alten Schule innerhalb von drei Minuten zwölf Menschen: acht Schülerinnen, einen Schüler, drei Lehrerinnen. Danach tötete er drei weitere Menschen auf der Flucht, ehe er sich selbst richtete.

Ein Nachahmungstäter? Einer, der späten Ruhm durch die Medien erlangen wollte? Jedenfalls einer, der leicht an Waffen herankam, in der eigenen Familie sogar, und zudem psychisch auffällig war und behandelt wurde.

Jochen Kalka war „Bild“-Journalist, heute ist er Chefredakteur der Fachzeitschrift Werben & Verkaufen. Kalka denkt in Schlagzeilensprache, arg verknappt und in raschen Halbsätzen trägt er seine Aufzeichnungen vor, aus seiner Betroffenheit macht der Autor kein Hehl. Denn Kalka ist auch Einwohner von Winnenden, seine Ehefrau Lehrerin, die beiden Töchter kannten einige der Ermordeten. Daher der betroffene Ton in Kalkas Buch. „Sämtliche Texte entstanden unter dem unmittelbaren Eindruck des jeweils Erlebten“, erklärt der Journalist im Nachwort.

Ein Jahr lang hat Kalka die Presseberichterstattung beobachtet, mit Betroffenen gesprochen, sich seine Gedanken gemacht, die Folgen des Attentats benannt, die Traumatisierungen. Wie ein roter Faden zieht sich durch Kalkas Buch die Empörung über die Macht der Waffenlobby, die Empörung über die Untätigkeit von Politikern, die Empörung über die Sensationsgier der Medien. „Ein strengeres Waffengesetz will in Deutschland nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung“, stellt Kalka fest. Die Macht der Waffenlobby sei ungebrochen, der freie Zugang zu Waffen weiterhin möglich, Kontrollen geschehen rein zufällig. Politiker aber ergehen sich weiterhin in Betroffenheitsadressen und „Polit-Floskeln“, wird es konkret, kneifen sie. Versprochene Gesetzesänderungen verläpperten im Bundestag.

Auch Kalka fordert, die Täter nicht zu heroisieren, am besten gar nicht zu nennen, ihnen keine Porträts in den Medien zu widmen. Die vorherrschende Berichterstattung lenke die Aufmerksamkeit vornehmlich auf den Täter. Dadurch könnten Nachahmungstäter ebenfalls auf späten Ruhm nach dem Tode hoffen. Und eine Logik ist für Kalka auch zwingend: Solange es Schusswaffen gibt, wird es auch Täter geben, die sie benutzen.

Joachim Kalka: Winnenden. Ein Amoklauf und seine Folgen. DVA, München 2011. 240 Seiten, 17,99 Euro.

Georg Milzner: Die amerikanische Krankheit. Amoklauf als Symptom einer zerbrechenden Gesellschaft. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010. 191 Seiten, 17,99 Euro.

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