Amoklauf : Auch Einzeltäter haben Vorläufer

Lehrer, Dichter, Massenmörder: Der Feldzug des Ernst August Wagner, der 1913 ein Massaker anrichtete, das Europa erschütterte.

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Der Mordbrenner. Ernst August Wagner auf einer Zeichnung von 1913.
Der Mordbrenner. Ernst August Wagner auf einer Zeichnung von 1913.Foto: picture-alliance/ dpa

Es war ein „einzig in der Weltgeschichte dastehendes Verbrechen“. 1913 erschoss Ernst August Wagner neun Menschen in Mühlhausen an der Enz mit zwei Mauser-Pistolen, nachdem er mehrere Häuser in Brand gesetzt hatte. Zwanzig weitere Menschen wurden schwer verletzt. Zuvor hatte Ernst August Wagner seine Frau und seine vier Kinder getötet. Und nach seiner „Arbeit“ in Mühlhausen, wie er es nannte, hatte er eigentlich einen Zug entführen und nach Ludwigsburg fahren wollen. Auf dem Weg, so schilderte es Wagner in seiner 300-seitigen handgeschriebenen Autobiografie, wollte er in seinem Geburtsort Egolsheim anhalten und auch noch seinen Bruder samt dessen Familie ermorden. Das Finale seines Feldzuges sollte im Ludwigsburger Schloss stattfinden. Dort wollte Wagner sich „in der Herzogin Bett verbrennen. Auch darum wünschte ich, dass die Herzogin jung wäre“.

Nach der Tat „ist das Entsetzen allgemein“, notieren Bernd Neuzner und Horst Brandstätter in ihrer 1996 erschienenen Dokumentation „Wagner. Lehrer, Dichter, Massenmörder“ (Andere Bibliothek, Eichborn Verlag). Es folgen „Schlagzeilen, Extrablätter, Sensationstourismus“. Hermann Hesse schreibt 1919 seine Novelle „Klein und Wagner“ über den Fall.

Ernst Wagner war Hauptlehrer in Degerloch, heute ein Stadtteil von Stuttgart, und litt sehr darunter, nicht längst Oberlehrer in der großen Stadt Stuttgart zu sein. Als Lehrer in der schwäbischen Provinz trug er gelbe Schuhe und weiße Westen, und er sprach verbissen Hochdeutsch. Seine erste Stelle trat der Bauernsohn, der es aufs Lehrerkollegium geschafft hatte, in Mühlhausen an. Dort lernte er die Töchter des Adler-Wirtes Johann Konrad Schlecht kennen. Rosine Wilhelmine und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Anna Friederike arbeiteten im Gasthaus als Bedienungen. Nach einer „sodomitischen Handlung“, so beschrieb Wagner den Vorfall selbst, im Stall des Adlers, fühlte er sich von den Dorfbewohnern verspottet und verdammt, obwohl offenbar niemand über den Vorfall etwas wusste.

Wagner begann eine Affäre mit Anna Schlecht, die im Frühjahr 1902 schwanger wurde. Anna zog zunächst nach Stuttgart und brachte dort ihre Tochter Klara zur Welt. Wegen des unehelichen Kindes wird Wagner im Dezember 1902 nach Radelstetten, einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb, versetzt. Zehn Monate später heiratet er Anna ohne große Begeisterung. Das einzige, was seinen Schriften über seine Frau zu entnehmen ist, ist die Feststellung, sie habe einen „ordentlichen Dienstmädchencharakter“. Anna bringt vier weitere Kinder zur Welt, eine Tochter und drei Söhne. Der jüngste wird nur vier Monate alt.

Ernst Wagner plante seine Tat jahrelang. 1909 begann er, seine Autobiografie zu schreiben, die er mit der Erklärung eröffnet: „Dass ich mich des Geständnisses gleich entledige: Ich bin Sodomit.“ Die Schrift kreist aber nicht nur um ihn selbst. In dem Buch, das er am Tag seiner Tat an Professor Christoph Schrempf und an Förster Schelling in Radelstetten schicken wird, legt Wagner auch seine Sicht auf die Menschen dar. „Ich habe ein scharfes Auge für alles Kranke und Schwache, bestellt mich zum Exekutor und kein Kommabazillus soll durchschlüpfen. 25 Millionen Deutsche nehme ich auf mein Gewissen und es soll nicht um ein Gramm schwerer belastet sein als zuvor.“ In der Nervenheilanstalt Winnenthal, heute ein Stadtteil von Winnenden, wo Wagner 1938 schließlich stirbt, sagte er seinen Ärzten später über seine Tat: „Man redet so viel von Rassenhygiene, ich habe gehandelt.“

Nachdem Wagner am 4. September 1913 um fünf Uhr morgens seine Frau mit einem Schlag auf den Kopf betäubt hat, ersticht er sie. Er geht in das Schlafzimmer seiner zwei Söhne und bringt auch sie mit einem großen Messer um. Es folgen die beiden Töchter. Danach zieht er die Bettdecken über die Gesichter der Toten, legt sein blutiges Nachthemd in sein Bett, wäscht sich und zieht sich an. Er schreibt auf eine Schiefertafel in der Küche „Ausflug nach Ludwigsburg usw.“ und verlässt das Haus. Er nimmt sein Fahrrad mit und eine Reisetasche gefüllt mit zwei Mauser-Pistolen und 500 Schuss Munition. Zunächst fährt er nach Egolsheim. Im Garten des Bruders verbirgt er etwa die Hälfte seiner Patronen. Auf dem Weg nach Mühlhausen gibt er an mehreren Orten Abschiedsbriefe auf. Zudem verschickt er seine Manuskripte. An seine Vermieterin schrieb er: „Ich bitte um Verzeihung, obwohl ich weiß, dass es keinen Wert hat, es war nicht anders zu machen. E. Wagner.“ Es ist etwa 23 Uhr, als er in Mühlhausen ankommt. Seinen Plan, die Telefonleitung durchzufeilen, damit keine Hilfe geholt werden kann, gibt er auf, weil es in Strömen regnet und die Telefonmasten höher sind, als er sich das vorgestellt hat.

Wagner legt in mehreren Scheunen Feuer und beginnt auf alle Männer, die auf die Straße laufen oder die er durch die Fenster erkennen kann, zu schießen. Eine Frau, die ihm vor die Pistole läuft, verschont er, will aber wissen, wo der Bürgermeister ist. Er hat es auf die Männer des Dorfes abgesehen. Dass er auch drei Mädchen erschießt und eine Frau verletzt, ist das einzige, was er bei der Vernehmung am Landgericht Heilbronn später bedauern wird. Nachdem Wagner beide Pistolen leer geschossen hat, gelingt es mehreren Männern, ihn niederzuschlagen. Sie halten ihn für tot.

Erst ein Polizist bemerkt, dass Wagner noch lebt. Er wird zunächst nach Vaihingen und später nach Heilbronn gebracht. Seine linke Hand war beim Kampf so zertrümmert worden, dass sie amputiert werden musste. Aber die Todesstrafe, die er selbst für sich fordert, wird Wagner nicht bekommen. Der Psychiater Robert Gaupp begutachtet Wagner und hält ihn für paranoid und damit für „nicht schuldfähig“. Es ist einer der ersten Fälle in Deutschland, in dem ein Mörder in die Psychiatrie eingewiesen wird. In Winnenthal wird sich Wagner später rühmen, „der erste Nationalsozialist“ gewesen zu sein.

Zu der Beerdigung von Wagners Opfern reisen 5000 Menschen an. Die Presse in halb Europa berichtet über den Fall. Psychiater Gaupp begründet anhand von Wagner seine Theorie der Paranoia. In der psychiatrischen Fachliteratur hat Wagner bis heute überlebt. Der Dramatiker Heinar Kipphardt hat in den siebziger Jahren ein Exposé für einen Film geschrieben, den er über Wagner plante. Umgesetzt wurde das Projekt nie. Das unveröffentlichte Manuskript ist in Kipphardts Nachlass im Literaturarchiv Marbach bei Ludwigsburg zu finden.

Die Debatten nach Wagners Tat erinnern an die Diskussionen nach dem Amoklauf eines Schülers 2009 just in Winnenden oder jetzt an das Massaker in Norwegen. Über schärfere Waffengesetze und eine bessere Bewaffnung der Polizei wurde auch damals schon gesprochen. Außerdem debattierten Wagners Zeitgenossen über die Sperrstunde schwäbischer Gasthäuser. Das größte Erschrecken am Fall Wagner aber löste aus, dass er kein „Monster“, sondern ein leidlich gebildeter Lehrer war. Gaupp beschrieb in seinem Gutachten einen höflichen Mann mit guten Manieren, der sich bereitwillig untersuchen ließ.

Ernst August Wagners Feldzug ließ seine Zeitgenossen genauso ratlos zurück wie der Krieg, in dem sich Anders Breivik nach eigener Aussage befindet. Die Ansichten der beiden Massenmörder, ihre Strategien, der unbedingte Wunsch, wahrgenommen zu werden, ähneln sich auf verblüffende Weise. Ernst August Wagner war der Breivik des Vor-Internetzeitalters.

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