Kultur : Amoklauf in Erfurt: Fünfzehn Minuten Ruhm

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Der 19-jährige Amokläufer in Erfurt benutzte eine Pump-Gun. Bisher glaubten wir, solche Gewalttaten seien nur in den USA mit ihren liberalen Waffengesetzen möglich.

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Die Gewalttaten in Amerika sind keine perverse Ausgeburt des so genannten amerikanischen Imperialismus. Das Ausmaß an Jugendgewalt hat dort mit einem Phänomen zu tun, das man "disaffected" nennt: Die Jugendlichen sind sich dessen, was sie tun, nicht bewusst, sie fühlen sich für ihr Handeln nicht verantwortlich. Die Ursache dafür liegt in den nicht mehr funktionierenden Familien, in Klassen- und Rassenkonflikten, im Drogenkrieg. Wenn all das entfällt, wie in Erfurt und ja auch im bürgerlichen Umfeld von Littleton, erschüttert uns das. Wir kommen nicht umhin festzustellen, dass auch in unserer Gesellschaft etwas schiefläuft.

Der Täter von Erfurt war ganz in Schwarz gekleidet. Ein Filmzitat?

"Disaffected" bedeutet, dass einem die Folgen des Auslebens der eigenen Fantasie nicht klar sind. Der Unterschied zwischen Realität und Fiktion verwischt. Dennoch kann die Konsequenz daraus nicht die Zensur sein. Wenn es stimmte, dass die Amokläufer erst vom Kino oder von Videospielen inspiriert würden, müsste man jegliche Darstellung von Aggression, von Hass verbieten. Das würde aber nicht dazu führen, dass wir nicht mehr aggressiv sind. Moderne Mediengesellschaften haben aber durchaus die Verantwortung, den Unterschied von Gewaltdarstellung im ästhetischen Freiraum des Kinos oder des Videospiels zu realer Gewalt zu lehren. Mütter von gewalttätigen schwarzen Kindern sagen außerdem: Das Problem ist nicht die Gewalt im Fernsehen, sondern die Gewalt vor der Haustür.

In Erfurt ist das nicht das Problem.

Auch in Littleton gab es keine Gewalt vor der Haustür. Einen ähnlichen Fall gab es übrigens in Hannover, New Hampshire, einem gutbürgerlichen Örtchen, wo zwei Jugendliche aus der oberen Mittelschicht zwei deutsche Professoren ermordet haben. Da stellt sich die Frage der Verdrängung: Worüber wird in der Öffentlichkeit, in der Familie, in der Schule nicht gesprochen, so dass Gewaltfantasien nicht nur aufkommen, sondern in derart drastischen Selbstinszenierungen ausgelebt werden? Gewalt ist eine Form der Kommunikation; die Sprache der Gewalt erscheint als letztmögliches Verständigungsmittel.

Amoklauf als Racheakt, aber auch als Selbstmord, mit dem man auf sich aufmerksam macht. Der Amokschütze soll gesagt haben: "Ich möchte einmal, dass alle mich kennen."

Der Glaube, man sei nur wer, wenn man mit einer Heldentat 15 Minutes Ruhm erlangt, dieses Spekulieren auf das Spektakuläre wird auch von unseren Medien geschürt. Selbst beim "einfachen" Selbstmord geht es ja weniger darum, sterben zu wollen, als um den verzweifelten Versuch, sich Gehör zu verschaffen. Wenn andere mit in den Tod gerissen werden, ist das die Perversion der Vorstellung von persönlicher Berühmtheit.

Was unterscheidet denn den privaten vom politischen Terror der Selbstmordattentäter?

Politische Selbstmordattentäter mischen sich in einen öffentlichen Diskurs ein, sie sind in Netzwerken organisiert und führen nicht selten einen Auftrag aus. Es handelt sich also um eine ritualisierte Form von Gewalt. Muhammed Atta kam aus einer besseren, gebildeten Schicht, bei ihm spielte Autoritätshörigkeit, aber auch politische Enttäuschung eine Rolle. Jugendliche Amokläufer begehen hingegen eine radikale persönliche Tat, mit der sie allerdings ebenfalls artikulieren, dass sie keinen Platz in der Welt finden. Sie empfinden sich als unverstandene Randgänger. Die Täter sind immer Teenager oder junge College-Studenten, die Attentäter des 11. September sind um die 30. Offenbar sind vor allem junge Männer gefährdet und können gefährlich werden, weil sie sich übersehen fühlen. Meine Erfahrungen mit Schulen in der Schweiz lehren mich, dass es auch hier ein großes Potenzial von Gewalt gibt, das nicht zuletzt aus einer extremen Sensibilität und Versagensängsten rührt. Lehrer sind nicht ausgebildet, darauf einzugehen und Aggessionen in andere Aktivitäten umzulenken. Voraussetzung dafür wäre aber, überhaupt zuzugeben, dass die Gewalt da ist.

Was unterscheidet das Verhältnis der amerikanischen Gesellschaft zur Gewalt von dem der deutschen oder europäischen?

Wegen der liberalen Gesetze ist es in den USA unendlich viel leichter, sich Waffen zu beschaffen. In den letzten 40 Jahren hat außerdem das urbane Gewaltpotenzial der Banden- und Mafiakriege zugenommen. Ohnehin gibt es dort eine höhere gesellschaftliche Sanktionierung der Gewalt. Wenn in Texas jemand auf Ihr Grundstück kommt, dürfen Sie den Eindringling erschießen. Die Gewalt ist in Amerika Teil der Nationsbildung, der Ursprungsmythen. Jeder Western erzählt davon: Man schlägt sich durch die Wüste, klärt vor dem Saloon, wer der Stärkere ist und zieht weiter gen Westen. Bei der Identitätsbildung junger Deutscher spielt das kaum eine Rolle.

Ist Erfurt dennoch ein Indiz für eine Amerikanisierung unseres Verhältnisses zur Gewalt?

Bisher gab es in Amerika etwa acht Morde und in Deutschland oder der Schweiz acht Selbstmorde pro Tag. Die Gewalt in Amerika ist mehr nach außen gerichtet, bei uns richtet sie sich nach innen. Diese Zahlen ändern sich zur Zeit. Auch der Amoklauf im idyllischen Städtchen Zug deutet ja auf eine Enthemmung hin. Dabei stellte sich im Nachhinein heraus, dass es in der Schweiz durchaus schon vergleichbare Fälle gegeben hatte. Man wollte sie nur nicht wahrhaben. Wir leben in einer Umbruchszeit, die die Menschen extrem verunsichert. Sich selbst und andere zu töten, bedeutet auch, dass man sich keine Zukunft vorstellen kann.

Es gibt ja auch europäische Filme über solche Phänomene: Fassbinders "Warum läuft Herr R. Amok?", die Filme von Michael Haneke oder "Der Hass" von Matthieu Kassovitz.

Den meisten dieser Filme liegt ein sozialkritischer Impuls zugrunde. Sie zeigen, was schiefläuft in der Familie, der Gesellschaft, der Jugendkultur. Sie erzählen von der Hilflosigkeit. Wir Menschen sind nicht friedlich; es gibt immer Konflikte zwischen dem eigenen Begehren und den Autoritären. Die Kunst kann dieses Dilemma ausleuchten und die Unlösbarkeit von Problemen thematisieren - was Politiker nicht können.

Die Schule in Erfurt heißt Gutenberg-Gymnasium. Das erinnert einen daran, dass Kultur die Menschen nicht unbedingt zivilisiert.

Das stimmt. Umgekehrt ist es kein Zufall, dass es so viele amerikanische Kriminalromane und -filme gibt. Deren sozialkritischer Gehalt wird viel zu wenig wahrgenommen. Wie viele amerikanische Filme handeln nicht nur von Kriegen in anderen Ländern, sondern auch von den städtischen Kriegszonen und von der Familie als Kriegsschauplatz. In Amerika ist die Gewalt ein Oberflächenphänomen und deshalb im öffentlichen Bewusstsein. Wir Europäer halten uns für kultivierter und müssen nun fragen, wieviel Barbarisches auch in uns steckt.

In unserer Literatur ist Gewalt kaum Thema. Es gibt keinen deutschen Bret Easton Ellis.

Dass es soviel zeitgenössische amerikanische Literatur zur Gewalt gibt, liegt auch an ihrer eigenen Tradition, die widerspiegelt, wie zentral das Thema für die amerikanische Kultur ist. Die 200-jährige Tradition der Kriminalliteratur begann im 19. Jahrhundert mit dem Western- und dem Horror-Genre. Man denke nur an Edgar Allan Poes Psychopathen. Wir hingegen haben Goethes "Werther". Hinzu kommt, dass die Gewaltfrage sich in Deutschland auf Faschismus und Antifaschismus konzentriert hat und die Frage des individuellen Aggressionspotenzials ausgeblendet blieb.

Bis auf Fassbinder.

Fassbinder hatte einen unheimlich aufmerksamen Blick dafür, den wir viel zu lange vermieden haben.

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