Kultur : Amoklauf in Erfurt: Selbstmörder

Montags geht die Welt gewöhnlich zur Tagesordnung über. Doch dieses Wochenende war bestimmt von Berichten über die Bluttat von Erfurt. Jetzt erhoffen wir die Klärung der Hintergründe.

Ein 19-Jähriger hat sich umgebracht. Der Lehrer, der den Amokläufer stellte, sagte seinem ehemaligen Schüler: Erschieß mich; sieh mir dabei in die Augen. Der junge Mann hat daraufhin im Massaker inne gehalten, seine Maske abgenommen und wurde später, eingeschlossen in einem Klassenraum, tot gefunden. Klarer Fall? Ein Selbstmord.

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Daran, dass in unserer Gesellschaft Selbstmorde begangen werden, sind wir gewöhnt. Aus pädagogischem Grund wird wenig darüber berichtet. Früher lächelte man sogar über Nationen, die den Selbstmordversuch unter Strafe stellten. Ist jemand, der sein eigenes Leben wegwerfen will, durch Strafandrohung zu beeindrucken? Heute gilt als abendländischer Konsens, dass jeder über sein eigenes Leben verfügen dürfen muss. Das passt zwar nicht zum Anspruch der Religionen, die Gott als Herrn über das Leben proklamieren; weshalb noch im letzten Jahrhundert Selbstmördern die kirchliche Beerdigung oft verweigert wurde. Aber zur Idee von der Autonomie des Menschen - ein Konzept der europäischen Aufklärung - gehört eben auch die Selbstverfügung über den eigenen Tod. Dieser Anspruch allerdings ist nicht zu trennen von der Idee der Menschenrechte, die den Wert jedes Individuums behaupten. Wer den Wert des eigenen Lebens nicht realistisch erkennt, weil er psychisch angeknackst ist, wird deswegen durch Schutzinstitute der Gesellschaft von der radikalsten Selbstverfügung abgehalten.

Der Amokläufer von Erfurt hat sich die größte Freiheit genommen. Er wollte beachtet werden - und hat zugleich dem Leben seiner Opfer wie dem eigenen keinen Wert beigemessen. Diese Bewertung war unrealistisch: sagen wir, die Überlebenden. Wo Autodestruktion so dramatisch mit Aggression nach außen einhergeht, ist sie durch keinen vertretbaren Freiheitsbegriff mehr gedeckt.

Es gibt in jüngster Zeit noch eine andere Suicid-Variante, an die wir uns - aus der Ferne - gewöhnen. Wie seit dem 11. September alle brennenden Hochhäuser und stürzenden Flugzeuge im Bild der Bedrohung fusionieren, so korrespondieren auch diese und jene terroristischen Aktionen in der Kollektivwahrnehmung. Gemeinsam ist den Selbstmordattentatten junger Muslime und den Amokläufen tief gekränkter Jugendlicher im Westen, trotz vieler Unterschiede, nicht nur der Drang zur Transzendierung der eigenen Existenz: der Wunsch, durch das ultimative Verbrechen auf dem Glorienaltar des Dschihad oder der Medien-Gesellschaft verewigt zu sein. Gemeinsam ist postmodernen und orientalischen Kamikazetätern die Missachtung realexistierenden Menschenlebens. "Sobald diese furchtbare Option sich dem Bewusstsein eines Volkes einprägt", schrieb der Schriftsteller David Grossmann (am 4. 4. in der "FAZ") über das Selbstmordattentat und Palästinas Zukunft, "wird sie nicht mehr verschwinden". Hier zu Lande, auf dem Papier der Menschenrechtsdeklaration, gilt zwar ein Menschenleben als tabu. In den Gewaltfantasien der Traumfabriken, in den Knochenmühlen globaler Ökonomien, in der Personality-Verheizung medialer Inszenierungen, in Diskursen um Embryonen und Sterbehilfe sieht das anders aus. Durch Ordnungsrufe ist diese Diskrepanz nicht zu schließen. Durch Ideale? "Süß und ehrenvoll" sei es, fürs Vaterland zu sterben: haben unsere Großväter gelernt. "Niemand hat größere Liebe, als wer sein Leben gibt für seine Freunde," lehrt, bis heute, das Christentum. Aber Ideale, die Menschen zum Selbstopfer motivieren, sind uns unheimlich. Auch wollen wir bitte die eigene zivilisatorischen Alltags-Maskierung nicht aufgeben - hoffen aber, dass im Ernstfall irgendein anderer das Monster zum Ablegen seiner Killer-Maske bewegt. "Schau mir in die Augen, Kleiner." Der Mörder hinter der Maske hat dann, manchmal, ein Babyface.

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