Kultur : Amoklauf von Erfurt: Gott ist blind

Herfried Münkler

Kaum etwas bekommt in modernen Gesellschaften so hohe Aufmerksamkeitsprämien wie die Anwendung von Gewalt: je exzessiver die Gewaltanwendung, desto höher die Aufmerksamkeit der Mediengesellschaft. Da Aufmerksamkeit in modernen Gesellschaften eine knappe Ressource ist, womöglich die knappste überhaupt, ist die Anwendung von Gewalt attraktiv, wenn es darum geht, das mediale Rauschen zu übertönen. Indem sie mit Gewaltanwendung verbunden werden, werden Probleme, Ereignisse oder menschliche Schicksale in die öffentliche Wahrnehmung gerückt. Diese Erfahrung haben bereits die Demonstranten der späten 60er Jahre gemacht, sie ist grundlegend für das Agieren terroristischer Gruppen. Inzwischen scheint sie auch für die spektakuläre Inszenierung eines Suizids handlungsleitend zu werden. Gewalt ist dabei kein Instrument, mit dem konkrete Absichten durchgesetzt werden sollen, sondern sie ist eine Botschaft: eine, die oft nichts anderes besagt, als dass hier ein gescheitertes Leben zu Ende gegangen ist.

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Offenbar gilt die Regel: Je gewaltärmer eine Gesellschaft ist, desto nachdrücklicher die durch Gewaltanwendung zu erzielenden Effekte. Dieser fatale Zusammenhang wird übersehen, wenn Ausmaß und Niveau medial vermittelter Gewalt, etwa in bestimmten Videos oder Computerspielen, als Ursache ins Spiel gebracht wird. In einzelnen, konkreten Fällen mögen solche Gewaltdarstellungen und Gewaltspiele enthemmend und stimulierend sein, aber der gesellschaftliche Mechanismus, der die Gewalt als Botschaft attraktiv macht, wird damit nicht erfasst - genausowenig wie die Suche nach weiteren Limitierungen beim Zugang zu Waffen. Im Gegenteil: Je höher die Gewaltschranke heraufgesetzt wird, desto größer sind die Aufmerksamkeitsprämien, die auf Gewaltanwendung ausgezahlt werden. Das ist das Dilemma, in dem Politik und Gesellschaft stecken, wenn sie nach Mitteln der Gewaltprävention suchen: Je erfolgreicher sie damit im allgemeinen sind, desto attraktiver wird der Gewaltexzess im Einzelfall.

In einer Gesellschaft, die sich an ein hohes Niveau von Alltagsgewalt gewöhnt hat, wie etwa in vielen Ländern Lateinamerikas, fällt es schwer, durch individuelle Gewaltanwendung auf sich aufmerksam zu machen. Freilich: So richtig diese Beobachtung der Sozialwissenschaft sein mag, so wenig lassen sich aus ihr irgendwelche akzeptablen Hinweise für gesellschaftliches und politisches Handeln ableiten.

Der leere Friedhof

Unsere westliche Kultur besitzt kaum noch metaphysische Verstrebungen. Auch deshalb sind Aufmerksamkeit und individuelle Bedeutsamkeit identisch geworden. Wer nicht wahrgenommen wird, kann sich des Eindrucks, bedeutungslos zu sein, kaum erwehren. Der Trost, den der Glaube an das Wahrgenommenwerden durch einen gütigen Gott lange geboten haben mag, ist für uns allenfalls individuell, aber nicht mehr gesellschaftlich verfügbar. Unter diesen Umständen ist das verzweifelte Bemühen um die Erregung von Aufmerksamkeit ein Haschen nach Bedeutsamkeit, auch wenn deren Anerkennung sich im öffentlichen Entsetzen über die Gewalttat und der in Talkshows zelebrierten Suche nach Erklärungen erschöpft. Das gilt für den Jugendlichen, der vor einigen Monaten in den USA seinem Leben ein Ende setzte, indem er sein Sportflugzeug in ein Hochhaus lenkte, das gilt wahrscheinlich auch für den Todesflieger von Mailand, und es gilt schließlich für den Erfurter Todesschützen. Die ihnen posthum zuteil gewordene Aufmerksamkeit kann so zum Anreiz für all jene werden, die sich mit ähnlichen Absichten tragen.

Der Abbau der metaphysischen Verstrebungen, durch den der Wert öffentlicher Aufmerksamkeit für das Bewusstsein individueller Bedeutsamkeit so sehr gesteigert worden ist, kann konkretisiert werden: Eine der kaum beachteten Begleiterscheinungen des Modernisierungsprozesses ist die schwindende Bedeutung von Friedhöfen als Stätten des Eingedenkens und Erinnerns. Was eine Stätte des Fortlebens im Gedächtnis einer sozialen Gruppe war, ist zu einem Ort für die Entsorgung der so genannten sterblichen Überreste geworden. Das mag überspitzt formuliert sein, bezeichnet aber eine starke Tendenz moderner Gesellschaften, denen die Erinnerung an die Endlichkeit menschlichen Lebens zur Störung des Alltagsbetriebs geworden ist. Je stärker diese Gesellschaften am Auskosten des Augenblickes interessiert sind, desto unerträglicher ist ihnen das Bewusstsein des Todes.

Der sichtbare Tod

Also wird der Tod von denen, die ihn aus eigenem Entschluss suchen, als medienwirksames Ereignis in Szene gesetzt. Die Entwertung der Gräber und Gedenksteine wird beglichen durch die Inszenierung des Suizids als Event. Das beginnt beim Sprung vor die U-Bahn, durch den er als Eingriff in den öffentlichen Nahverkehr bemerkt wird, und reicht bis zu spektakulären Flugzeugabstürzen und Amokläufen. Dabei kann sich der zur Selbsttötung Entschlossene sicher sein, dass ihm um so größere Beachtung zuteil wird, je mehr Menschen er an der Beendigung seines Lebens beteiligt. Er bedient sich der Logik einer Mediengesellschaft, die den Augenblick der Katastrophe notiert, der die Gewöhnlichkeit eines misslingenden Lebens aber keine Zeile wert ist.

Dabei folgen solche Inszenierungsmodelle häufig den Vorgaben politischer Gewaltanwendung: Die Schreckensbilder der im World Trade Center zerschellenden Flugzeuge sind ebenso wie die palästinensischen Selbstmordattentate zur Regieanweisung für die Kompensation privater Demütigung geworden. Man kann von einer Privatisierung politischer Gewaltanwendung sprechen, und diese Privatisierung wird möglich, weil das Interesse der Medien identischen Mustern folgt. Das gibt zu der Vermutung Anlass, dass exzessive Gewaltanwendung und spektakuläre Selbsttötungen in Zukunft häufiger und nicht seltener werden - so lange zumindest, wie sie nicht durch zu große Häufung den zu beabsichtigten Effekt selbst abschwächen.

Sicher wird man in jedem einzelnen Fall Präventionsmöglichkeiten finden, mit denen durch ein anderes Verhalten des Umfeldes eine solche Tat hätte verhindert werden können: durch schärfere Regelungen für den Besitz von Waffen, durch mehr pädagogische Zuwendung, durch mehr menschliche Aufmerksamkeit. Den Mechanismus der Prämierung von medienwirksam inszenierter Gewalt wird all dies jedoch nicht aushebeln. Und es wird nichts daran ändern können, dass Gewaltanwendung als Botschaft um so attraktiver wird, je gewaltärmer eine Gesellschaft ist. Mit dieser Paradoxie, dass gerade erfolgreiche Gewaltprävention die Gewaltattraktivität steigert, werden wir leben müssen. Es sei denn, wir ändern die Regeln unserer Aufmerksamkeitsverteilung. Aber das ist unwahrscheinlich.

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