Kultur : Amore, amore

Furioses Wiedersehen: Venedig feiert Pina Bausch

Vincenzo Delle Donne

Es ist eigentlich ein romantisches Liebesverhältnis, das Pina Bausch mit Italien und den Italienern verbindet – und eines, das auf Gegenseitigkeit beruht. Insbesondere in Venedig genießt die scheue Künstlerin Kultstatus. Hier feierte sie 1985 im Rahmen der Theater-Biennale ihren landesweiten Durchbruch, hier verehrt man sie als Genie. Die Gründerin des Wuppertaler Tanztheaters sagt von sich selbst, sie sei Wahlitalienerin. Dieses Verhältnis zeigt sich auch und vor allem in jenen Stücken, die sie seitdem eigens für Italien kreierte, für Rom oder Palermo. Im Teatro al Fenice zelebrierte Pina Bausch, die demnächst ihren 65. Geburtstag feiert, nun mit ihrem 2002 für Paris geschriebenen Stück „Für die Kinder von gestern, heute und morgen“ nach einem Jahrzehnt eine furiose Rückkehr in die Lagunenstadt.

In für sie typischen Choreografien variert sie hier das alte Beziehungsthema neu: mal burlesk, mal tragisch, mal tragikomisch, aber immer szenisch, rhythmisch und tänzerisch auf höchstem Niveau. Das drohende Beziehungsunheil bahnt sich schon in der Kindheit an. „Liebst du mich?“, fragt ein vor Bühneneleganz strotzender Lutz Förster in der Rolle des kleinen Jungen die angebetete Nazareth Panadero. „Nein“, antwortet diese nach einem kleinen Zögern, woraufhin die beiden es trotzdem miteinander versuchen – gewissermaßen auf Zeit. Ihr Scheitern, aber auch das der anderen Liebesakteure ist programmiert.

In der Compagnie brilliert vor allem Bauschs Lieblingstänzer Lutz Förster, der sich auch als eindringlicher Erzähler mit (für venezianische Ohren) sympathischem deutschen Akzent hervortut. Ausdrucksstark seine Rezitation vom Märchen des braunen Eichhörnchens, das, um der Sonne zur Hilfe zu kommen, in eine Fledermaus verwandelt wird. Von surrealer Leichtigkeit ist auch das Auftreten von Altmeister Dominique Mercy. Neben altbekannten Tänzern wie Helena Pikon und der stimmgewaltigen Nazareth Panadero tun sich besonders die grazile Ditti Miranda Jasifi mit ihren anmutenden, fast katzenartigen Bewegungen hervor und die sehr graziöse Azusa Seyama. Jeder Tänzer „erzählt“ hier – und das ist die Vorgabe des Stücks – seine eigene (Beziehungs-)Geschichte, und aus dem Vielklang der Typen und Timbres entsteht ein ziemlich pessimistisches Abbild der Wirklichkeit.

Die raren „glücklichen“ Momente im Leben der Akteure verflüchtigen sich schnell. Disharmonien sind vielmehr die Regel. Und die hastigen, hastenden Menschen gehen sogar so weit, dass sie sich anziehen und attrahieren, nur um sich wieder voneinander abstoßen zu können. Ein ewiges Hin und Her, mit dem sie am Ende alle Liebe und ihr ganzes Leben vertun. Peter Papst übrigens hat zu diesem turbulent-amüsanten Versuch über das Scheitern der Liebe ein minimalistisches Bühnenbild aus lauter überdimensionalen weißen Wänden entworfen: ein hübscher Widerspruch zur aufgesetzt-kitschigen Dekoration des Fenice.

Besonders pikant und amüsant ist natürlich, dass diese pessimistische „Beziehungskiste“ in der Stadt der Liebe spielt. Das Publikum im ausverkauften Teatro al Fenice allerdings nahm Pina Bausch ihre Sicht der Dinge alles andere als übel. Am Ende: stehende Ovationen, großer, sehr italienischer Jubel.

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