Amputation einer Halbkugel : Sieben Notizen von meinen Wanderungen durch Berlin

Oksana Sabuschko liest am Samstag um 15 Uhr im HKW aus ihrem gerade im Grazer Droschl-Verlag erschienenen Roman "Museum der vergessenen Geheimnisse" und diskutiert über Berlin als Drehscheibe zwischen Ost und West.

Oksana Sabuschko

Meine Berliner – jene, die bei mir eine merkwürdige Mischung familiärer Gefühle wecken, schwesterlich und mütterlich gleichzeitig – blicken mich von unscharfen schwarz-weiß gefleckten Fotos am Bauzaun neben dem Brandenburger Tor an. Die meisten von ihnen sind mein Jahrgang – 1960. In meinen Gedichten von damals träumte „jede Mauer“ von „einem Kopf, der durch sie hindurch könnte“.

Selbst gestellte Aufgabe – die Mauer in der East Side Gallery von einem Ende zum anderen abwandern, die ganzen 1200 Meter – ich versage kläglich schon auf halber Strecke: Schluss, es reicht! Ich kann nicht mehr. Je länger du die Mauer entlanggehst, die dir, überfrauenhoch, den Blick auf den Horizont versperrt (du weißt, dass gleich hinter der Mauer der Fluss fließt und über ihm die Sonne untergeht, aber du siehst es nicht), und diese Mauer hat kein Ende, sie krümmt sich und verliert sich in der Ferne – desto asymmetrischer, „schräger“ nimmst du die Welt wahr. Zum Teufel, genug, ich kehre um.

Die Amputation einer Halbkugel – fällt mir da plötzlich ein. Das muss es gewesen sein. Und zwar auf beiden Seiten. Zwei Berlins, jedes mit einer abgeschnittenen Schädelhälfte. Eine verwundete Stadt – das war auch mein erster Eindruck. Das Vergessen ist eine Vitalfunktion. Rosig überwächst Haut die Wunden, überwuchert das Gras die Ruinen, und gleich neben den Gedenkstätten werden Hamburger verkauft.

Aus der Geschichte ausradierte Völker, in Anabiose versunkene Städte, absterbende, vergiftete Wasserreservoirs – aber kaum beseitigt man den todbringenden Faktor – schon rappeln sie sich plötzlich auf und schießen mit neuer Kraft empor, wie Gras nach dem Gewitter. Ich selbst entstamme einem solchen Volk, und darin bin ich „blutsverwandt“ mit Berlin. Doch mein Fach ist die Literatur, und die Literatur ist nicht gut im Feiern, sie ist wie ein Nüchterner unter lauter Betrunkenen, denn die Sache der Literatur ist das Erinnern. Besonders an jene, durch deren Skelett das Gras wächst.

Deshalb mag ich Berlin. Dafür, dass hier noch der Schmerz lebendiger Erinnerung in der Luft liegt – man sieht es an den Auslagen der Buchhandlungen, an der „palimpsestischen“, aus mehreren historischen Schichten bestehenden Architektur, an der gar nicht glatt geleckten Widerborstigkeit der Ecken und Proportionen, an tausenden schockierender Einzelheiten.

Es ist äußerst wichtig, vielleicht sogar entscheidend für das neue Jahrhundert, wie Berlin damit fertig wird. In den Manteltaschen drücke ich ihm beide Daumen, mische mich in die Menge und gehe meines Weges. So beginnt es, das Gras, das darüber wächst. Erst ganz langsam, ein bisschen, Meter für Meter. Die, die sich noch daran erinnern, gehen auf die fünfzig zu. Und der Rest ist, wie ein Franzose einmal sehr zu Recht sagte, Literatur.

Aus dem Ukrainischen von Olaf Kühl. Oksana Sabuschko, 1960 im ukrainischen Luzk geboren, lebt in Kiew. Am Samstag, den 25.9., liest sie um 15 Uhr im HKW aus ihrem gerade im Grazer Droschl-Verlag erschienenen Roman „Museum der vergessenen Geheimnisse“ (760 Seiten, 29 €). Um 20 Uhr diskutiert sie dort mit Michael Hvorecky und Noemi Kiss über Berlin als „Drehscheibe zwischen Ost und West“.

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