Kultur : An den Rändern der Realität

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Zunächst sieht man vor lauter Wald den Baum nicht. Lange geschieht scheinbar nichts. Dann kommt mehr und mehr Bewegung ins Bild. Es beginnt mit einem leisen Zittern im Laub, das langsam auf die Äste übergreift. Wellenförmig breitet sich die Unruhe aus, wird heftiger. Kommt Wind auf? Weshalb erfasst er auf geheimnisvolle Weise nur eine bodennahe Zone der Büsche und Bäume, nicht aber die Wipfel? Plötzlich beginnt sich eine stattliche Fichte wie von Geisterhand langsam aufzurichten. Erst dann wird der Plot klar: Ein Baumriese fällt zu Boden – im Rückwärtslauf.

Die norwegische Künstlerin hat den Sturz mit einer Hochgeschwindigkeits-Kamera aufgenommen und dann verlangsamt. „Back to Life – Zurück zum Leben“ will sie gehen. Darauf kam es A K Dolven – die ihren Vorn Anne Katrine konsequent nur in der geschlechtsneutralen Abkürzung verwendet – bei ihrer erstmals in der Galerie carlier gebauer gezeigten Filmarbeit an (13 000 Euro). „2:57“, der Titel der Arbeit, umreißt das vermeintliche Vorspiel, das Nachbeben des gefällten Baumes. Denn für A K Dolven findet das Wesentliche an den Rädern statt, an den Schnittstellen von Realität und Kunst. Dieser Grundsatz gilt für ihr gesamtes Werk. Es umfasst nicht ein Medium allein, sondern entwickelt Videokunst und Malerei parallel, im wechselseitigem Bezug aufeinander.

Eine statische Kameraeinstellung und die Wiederholung als Endlosschleife erinnern bei ihren Filmen oder Videos an Staffeleibilder. Die Ölgemälde auf Aluminium wiederum spiegeln die Auseinandersetzung mit Zeit, Licht, Bewegung. „Where do I meet reality“ heißt Dolvens neue Serie nahezu monochromer Großformate (je 12 000 Euro). Man muss sich eine Weile einsehen, um den Blick für die kaum mehr merklichen Abtönungen der nur ganz zart ins Graue, Blaugraue oder Beige spielenden Weiß-in-Weiß-Kompositionen zu sensibilisieren. Erst dann erscheinen die Ränder der Farbschichten als vage Konturen. Die Bilder scheinen sich über ihre Ränder hinaus in den Raum auszudehnen und wie die loops der Filme ohne Anfang und Ende zu sein. Mit ihren abstrakt-konkreten Formen führen die Tafelbilder einen Rekurs auf minimalistische Kunst. Ihr Bildraum wiederum suggeriert eine Realität, die im Zusammenhang mit den Videoarbeiten an Filmstills denken lässt. Einzelbilder, deren verschlungene Formen sich aus Blasen und Schlaufen zusammensetzten, die ineinanderfließen und Bild um Bild Phasen eines filmischen Bewegungsablaufs markieren, den der Betrachter gedanklich zusammensetzt.

Übersetzung ins Alltägliche

A K Dolven, 1953 in Oslo geboren, ist in Berlin seit langem keine Unbekannte mehr. 1987/88 war sie als DAAD-Stipendiatin im Künstlerhaus Bethanien und blieb insgesamt neun Jahre. Inzwischen hat sie ihren Zweitwohnsitz nach London verlegt, ihren Hauptwohnsitz hat sie auf den norwegischen Lofoten. Vor zwei Jahren erhielt sie den Fred Thieler-Preis für Malerei der Berlinischen Galerie. Zurzeit stellt sie in Aachen und Schwerin aus, wo die Videoinstallation „stairs“ zeitgleich zur Berliner Galerieschau im Staatlichen Museum zu sehen ist (12 000 Euro). „stairs“ bezieht sich auf Marcel Duchamps berühmten „Akt eine Treppe herabsteigend, Nr. 2“, das schon Gerhard Richter zu „Ema – Akt auf einer Treppe" anregte. Wie Richter übersetzt Dolven die Situation ins Alltägliche. Sie befreit sie von Pathos, verzichtet auf jede stilistische Überhöhung und zeigt die Treppenszene aus weiblicher Sicht. Zunächst ragt nur ein Fuß mit rotlackierten Zehennägeln ins Bild. Anstelle des frontalen Aktes ist die Rückenansicht einer Frau im Slip zu sehen, die Stufe um Stufe über einen roten Läufer hinabsteigt. Dabei setzt sie sich immer wieder, um die verstreut liegenden Kleidungsstücke anzuziehen. Am Treppenabsatz warten Turnschuhe. Sind sie zugeschnürt, beginnt alles von vorn.

Bei Duchamps Alterswerk „Étant donnés“ blickt man durch zwei Gucklöcher auf eine nackte Frau. Auch Dolven scheint uns die Rolle eines Voyeurs zuzuweisen, doch erwarten den Betrachter bei ihr keine sexuellen Anspielungen. Vielmehr geht es um die Angelpunkte der Wahrnehmung. Mit multimedialen Mitteln entstehen Arbeiten, die durch eine meditative Ruhe fesseln und weit mehr Sinne schärfen als das Sehvermögen. Elfi Kreis

Galerie carlier gebauer, Holzmarktstraße 15-18 bis 31. Juli; Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr.

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