Kultur : An der Autobahn

ARCHITEKTUR

Frank Peter Jäger

Ein Stadtplan mit zahlreichen tiefroten Punkten, wie zufällig über die Stadt verstreut – hat da jemand sentimental die Orte einstiger Liebschaften verewigt? Jürgen Sawade , einer der charmantesten alten Bekannten der Berliner Architekturszene, würde diese Interpretation sicher gefallen – obwohl die roten Tupfer nur die Standorte seiner Gebäude in der Stadt markieren. Doch mit Leidenschaft hat Bauen für ihn allemal zu tun: „Entweder man übt diesen verrückten Beruf 150-prozentig aus, oder man lässt es“ – so habe es ihm einmal Le Corbusier gesagt, als er den Meister in Paris besuchte. Das war eine aus einer ganzen Salve von Anekdoten, die Jürgen Sawade zum Besten gab, als er die Ausstellung seines bisherigen Berliner Schaffens unter dem Motto Großstadtarchitektur in der Raab-Galerie eröffnete (Fasanenstr. 81, Mo bis Fr 10-19 Uhr, Sa. 10-16 Uhr). Man sieht das Hotel Esplanade, Geschäftshäuser in der Friedrichstadt, die die Kumuluswolken des Berliner Himmels spiegeln, und Erich Mendelsohns Kino Universal am Lehniner Platz, das im Inneren ein reiner Sawade ist, seit der Architekt es 1981 für die Schaubühne umrüstete. Manches der Projekte gab Anlass zu harscher Kritik, wie etwa der stadtbekannte „Sozialpalast“. In den wohlkalkulierten Blickwinkeln von Stefan Müllers Schwarzweiß-Aufnahmen gewinnt auch noch der schroffe, über der Pallasstraße aufgestelzte Wohnriegel eine ästhetische Kraft, die man an ihm bisher nie entdeckt hat. Ein neuer Blick also auf das Bauen der siebziger und achtziger Jahre? Der Betrachter mag selbst entscheiden, wie gestrig, zeitgemäß, frisch oder ungefällig Sawades karger Rationalismus ist.

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