Kultur : An der Donau nicht nur Freud

BERNHARD SCHULZ

Das Jüdische Museum Wien hat seine Aufbauphase abgeschlossen - und zwar erfolgreich.Ein Problem hat die Stadt dennoch: mit dem Holocaust-DenkmalVON BERNHARD SCHULZBerlins Jüdisches Museum hat die Schlagzeilen erobert, lange bevor es seine Pforten öffnet.Erst recht ist das Holocaust-Mahnmal Gegenstand öffentlichen Streites geworden, ehe auch nur feststeht, daß es tatsächlich errichtet werden wird. Das letztere hat Wien mehr oder weniger mit Berlin gemein; beim ersteren hingegen hat die Donau-Metropole die Nase weit vorn.Mit dem Abschluß einer sehr dichten Max-Liebermann-Ausstellung ging unlängst die Aufbauphase des Jüdischen Museums Wien zu Ende; so jedenfalls verstand es der scheidende Direktor, der als Leiter des Potsdamer Moses-Mendelsohn-Zentrums bestens bekannte Julius H.Schoeps. Denn von Aufbauphase konnte beinahe schon nicht mehr die Rede sein, hat doch das Palais Eskeles in der innerstädtischen, von der Einkaufsmeile Graben abzweigenden Dorotheergassenahe der Hofburg nach der Eröffnung im November 1993 bereits einen ersten Aus-und Umbau erfahren.Spätestens mit diesen, Ende Februar 1996 abgeschlossenen Baumaßnahmen nach Entwurf des nicht zuletzt mit raffinierten Inneraumgestaltungen und Umbauten hervorgetretenen Büros Eichinger oder Knechtl - das "oder" ist tatsächlich Namensbestandteil! - konnte vom Eintritt des Museums in den Kreis der etablierten Institutionen gesprochen werden.Auch in Wien steht die Interdependenz der Wiener Stadtgeschichte mit der Geschichte der jüdischen Bevölkerung im Mittelpunkt des Museumsauftrags, ohne daß von einem "integrativen Konzept" gesprochen werden müßte.Warum auch; denn so eigenständig das Haus ist, so sehr verdankt es doch seinen Start und Aufbau der reibungslosen Kooperation mit dem Historischen Museum am Karlsplatz, das in der neuen Einrichtung keinen Konkurrenten, sondern eine unabdingbare Bereicherung des Musems- und Sammlungsspektrums der österreichischen Hauptstadt erkannte.Die Konzeption, so hat es jüngst das Museum zum Abschied seines Direktors zusammengefaßt, besteht in ihrem Kern darin, "die Vielfalt der Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden in der Geschichte dieser Stadt und des Landes (...) zu dokumentieren und damit neu ins Bewußtsein zu heben, um eine positive Entwicklung dieser Beziehungen in der Gegenwart zu fördern." Über die Geschichte der Juden in Wien allerdings ist es unter der vermeintlich problemlosen Oberfläche zu einer erbittert geführten und geradezu tragisch zu nennenden Kontroverse gekommen.Das liegt an dem geplanten Holocaust-Mahnmal auf jenem innerstädtischen Platz, der mit der größten Selbstverständlichkeit "Judenplatz" heißt.Hier lag, wie man immer wußte, das mittelalterliche Ghetto.Aus dem Wettbewerb ging der Entwurf der englischen Bildhauerin Rachel Whiteread siegreich hervor.Die Trägerin des renommierten Turner-Preises sah in der Art ihrer bekannten Negativ-Abformungen die Gußform einer "Bibliothek" in weißem Beton vor. Während die Skulptur bereits ausgeführt wurde, kamen bei den - vorab geplanten - Ausgrabungen auf dem Judenplatz sensationelle Funde zum Vorschein.Das Ergebnis ist - derzeit wintersbedingt abgedeckt und also nur den Ausmaßen nach - auf dem Judenplatz zu besichtigen: die Grundmauern der mittelalterlichen Synagoge, die den Pogromen von 1421 zum Opfer gefallen war, danach aber keineswegs tief im Erdreich versank, sondern durchaus nahe an der Oberfläche verblieb.Nach Monaten erst, dann aber umso heftiger, brach der Streit los: ob die - von Anfang an geplante - Verbindung von Ausgrabung und Gedenkstätte noch möglich sei oder vielmehr der Zugang zu den Funden ein darüberstehendes Monument verbiete.Was nun aus Mahnmal und Synagogenfund wird, ist nun schon den zweiten Winter über ungeklärt.Tragisch ist der Fall insofern, als die historischen Spuren als authentisches Zeugnis der Judenschaft in Wien mit dem hochsymbolischen Denkmal in gleicher Sache konkurrieren. Vom einstigen Reichtum der Wiener jüdischen Gmeinde zeugen nicht nur die Spuren des Ghettos bis zu dessen Auslöschung im Jahre 1421.Die "Israelitische Kultusgemeinde" hat ihren Sitz im Seitenstettenhof in der Innenstadt, der 1824 errichtet wurde und - einer Verordnung Josephs II.entsprechend - im Inneren, aber von der Straße her unsichtbar, einen nach den Beschädigungen der Nazizeit restaurierten Sysnagogensaal enthält.Auf das Gemeindeleben des 19.und frühen 20.Jahrhunderts bezieht sich in starlkem Maße auch das Jüdische Museum.Es hat seinen Platz im Spektrum des Wiener Museumsangebots wie selbstverständlich gefunden.Der Besucherzuspruch spricht für die neue Institution.Von der Eröffnung im Jahre 1993 bis zum Beginn des Umbaus im Sommer 1995 kamen 170 000 Besucher (plus 35 000 Besucher zu einer Sonderausstellung im Sommer 1995 in Räumen des Rathauses), seit der Wiedereröffnung bis Ende 1997 bereits 125 000. Der Umbau von Eichinger oder Knechtl hatte den Denkmalschutz für Teile der Inneräume zu berücksichtigen.Die Architekten setzten eine parabolisch gebogene, innen lichtgeschützte Glasverkleidung an die Rückseite und integrieren dadurch die drei Ausstellungs-Stockwerke.Den Fixpunkt des Atriums bildet die Judaica-Sammlung Max Berger.Das Glas der Vitrine zeigt eingeätzte Zitate aus Bibel und Talmud, um zu verdeutlichen, das die gezeigten Objekte sich erst in ihrer liturgischen Funktion und im Bezug auf die religiösen Quellentexte erschließen. Das mittlere Stockwerk nimmt seit dem Umbau eine historische Ausstellung zur Geschichte der Juden Wiens ein, die keine Ausstellung ist, sondern eine Installation mit 21 sogenannten Transmissonshologrammen.Man kann also um die Bilder herumwandern, ja sogar eine kurze Sequenz historische Films gerät beim Betrachten in bewegung, vor und zurück."Diese Installation soll das Verschwinden von Vergangenheit thematisieren", meint dazu das Museum; doch aller technischen Aufgeschlossenheit zum Trotz wirkt auch im Wiener Haus die Authentizität des historischen Objektes stärker.Den Beweis erbringt das Museum im obersten Stockwerk.Die umfangreichen Museumsbestände - unter denen sich auch die Überreste des einstigen, mit dem "Anschluß" von 1938 geschlossenen Jüdischen Museums ebenso befinden wie zu dieser Zeit vor dem Zugriff der Nazis gerettete Kultgegenstände - sind dort in einem Schaudepot untergebracht, in dem der Besucher zwischen den gläsernen Vitrinen herumwandern kann. Mit Dokumenten befaßt sich auch die gegenwärtige Sonderausstellung.Sie unternimmt eine "Spurensuche im Archiv des Jüdischen Museums Wien" und stellt dabei die Geschichte des ersten Jüdischen Museums, 1895 gegründet, in den Mittelpunkt.Was von den einstmals tausenden Sammlungsstücken über die Zeitläufte hinweggerettet werden konnte, wird nun nach sechzig Jahren erstmals wieder gezeigt und erinnert an eine untergegangene Wiener und daher mitteleuropäische Welt, aus der heutigen Wien-Touristen allenfalls die zum Museum gewordene Wohnung Sigmund Freuds in der Berggasse 19 geläufig ist.Doch Wien ist zugleich die Stadt Theodor Herzls, der hier 1896 mit seiner Kampfschrift "Der Judenstaat" den politischen Zionismus begründet hat, und Wien ist auch die Stadt Adolf Hitlers, der hier von 1906 bis 1911 gelebt und den politischen Antisemitismus als Ideologie aufgesogen hat, mit dem er 27 Jahre nach seinem Fortzug triumphal zurückkehren sollte. Die jüdische Geschichte sei nicht durch den Holocaust zu erklären, hat Julius Schoeps als Leitlinie seiner Museumsarbeit ausgegeben.Aber wie die Stadt Wien mit der Erinnerung an den Holocaust umgeht, wird auch die weitere Arbeit des Museumns unter seinem neuen Leiter, dem lange Jahre am Historischen Museum tätig gewesenen 44jährigen Wiener Karl Albrecht-Weinberger, nicht unberührt lassen.Zeit zum Überlegen gibt es - dem Winter sei Dank - mindestens bis zum Frühjahr. Wien, Dorotheergasse 11, Sonntag bis Freitag 10 - 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr.Katalog "Jüdisches Museum Wien" 280 öS.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben