Kultur : An der Festungsmauer

Grenzgänger und andere Migranten: Heute startet das Berliner Filmfestival „Europe in Motion“

Stefan Jacobs

Kaum zu glauben: Amélie kann auch anders. Englisch mit türkischem Akzent zum Beispiel. In Stephen Frears’ Thriller „Dirty Pretty Things“ wird Audrey Tautou vom Chérie du Montmartre zur türkischen Asylantin Senay, die illegal als Zimmermädchen in einem Londoner Hotel arbeitet. Auch als sie sich in ihren Kollegen Okwe verliebt, wird der Film nicht romantisch, sondern actionreich: Okwe gerät in ein kriminelles Komplot, aus dem er als Illegaler kaum heil herauskommen kann. Keine Spur also von fabelhafter Welt.

Der Film ist 2002 entstanden, ein Jahr nach dem Riesenerfolg von „Amélie“. In Deutschland blieb er weitgehend unbemerkt – kurz am Horizont der Kinolandschaft aufgetaucht, verschwand er gleich wieder. Jetzt haben ihn die Organisatoren eines Filmfestivals nach Berlin gebracht. „Europe in Motion“, heißt die Reihe, die heute beginnt und bis kommenden Donnerstag hauptsächlich in den Berliner Kinos Central und Eiszeit zu sehen sein wird. Auch das British Council und das Hebbel am Ufer sind dabei, wobei sich Letzteres mit einem prominent besetzten Eröffnungsabend hervortut: Nach einer literarischen Einführung durch die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar startet ein Kurzfilmprogramm in Anwesenheit eines halben Dutzends Regisseure, darunter Fatih Akin. Der ist ab Mitternacht auch noch als DJ gebucht, bevor er ins Flugzeug Richtung Barcelona steigt. Am Sonntag kommt er möglicherweise mit dem Europäischen Filmpreis in der Tasche zurück – zur Langen Nacht der Kurzfilme, die von 20 Uhr bis in die frühen Morgenstunden dauern wird..

„Europe in Motion“ versteht sich als Multikulti-Festival, das sich mit dem aktuellen Wirklichkeiten und Träumen des Kontinents befasst. Die einen können problemlos über fast vergessene Grenzen reisen, während die anderen draußen bleiben oder unter Einsatz ihres Lebens die Mauern der Festung Europa überwinden – und mit einiger Wahrscheinlichkeit hinausgeworfen werden, wenn man sie entdeckt. Dieses Schicksal droht auch Okwe, dem Freund der Asylantin.

Das Programm umfasst rund 60 Filme, wobei das Festival keine reine Feinschmeckerveranstaltung sein will, bei der Gelegenheitsgenießer nichts zu suchen hätten. Ein Großteil der gezeigten Werke sind Spielfilme, darunter deutsche Erfolge wie Fatih Akins „Im Juli“, Thomas Arslans „Geschwister“ oder Hans-Christian Schmids Episodenfilm „Lichter“, der die Tourismuswerbung für Frankfurt/Oder um Jahre zurückwarf und die gefühlte Entfernung dorthin von einer Autostunde auf ein halbes Lichtjahr wachsen ließ. Auch „Auslandstournee“ ist dabei, der Debütfilm von Ayse Polat, deren neues Werk „En Garde“ gerade in den Kinos angelaufen ist. Mitunter treffen die zumeist jungen Filmemacher auch auf ihre Regieväter, etwa in „E5 – Die Gastarbeiterstraße“. Tuncel Kurtiz hatte im Jahr 1978 türkische Gastarbeiter auf ihrer langen Reise in die alte Heimat mit der Kamera begleitet. Sie sind unterwegs – wie fast alle Protagonisten des Festivals „Europe in Motion“.

www.europeinmotion.net

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