Kultur : An der Grenze des Wahnsinns

NORBERT SERVOS

Man nehme: eine kahle, bis zu den Brandmauern offene Bühne, einen Tisch, einen Stuhl, dazu ein hohes Raummikrofon, um alle Geräusche überlaut hörbar zu machen.Da hinein setze man einen beliebigen Durchschnittsmann in grauem Anzug, Weste, weißem Hemd, die Augen versteckt hinter einer dickrandigen schwarzen Brille - ein Bürokrat vielleicht.

Herr Biedermann betritt den kargen, neonbeleuchteten Raum mit einer großen Plastiktüte, aus der er umständlich einen Plattenspieler schält.Säuberlich baut er ihn auf, verkabelt ihn, lauscht der Musik.Unversehens liegt er am Boden, läßt sein Becken auf und nieder wippen, steigert sich - über Pausen und allmählich - zu konvulsischen Zuckungen.Er zappelt, wälzt sich, robbt seitlich, verknäult sich, zieht sich am eigenen Hosenbund aus der Malaise.

Herr Biedermann hat ein Problem: Er ist offenbar ein Zwangscharakter.Seine Bewegungen sind fahrig, eckig.Nur für kurze Momente wiegeln sie sich zu einer hysterischen Hektik auf, dann ersterben sie in grüblerischer Depression.Dazwischen geschieht eigentlich - nichts.Manchmal wirft Herr Biedermann seinen Stuhl um.Manchmal entgleitet ihm in Slapstick-Manier sein Bein, das er mühsam wieder unter Kontrolle bringt.Dann stellt er das Mikro an einen anderen Ort.

Herr Biedermann ist ängstlich: Immer wieder kontrolliert er mit einem kleinen Mikrofon am Körper seine Herzfrequenz.Außer umfallen und seinen enteilenden Körperteilen nachjagen kann er zum Beipsiel zwei Arabesquen mit einem Papierschnitzel in der Hand drehen.Auch danach wird eilends die Herztätigkeit überprüft.In einem Anfall von Poesie vermag er sogar Flugversuche zu unternehmen.Doch die enden - wie fast alle seine Unternehmungen - in hoffnungslosen Verschränkungen der Arme.Da bohrt er dann im Ohr und weiß nicht nicht recht weiter.Wenn ihn der Mut packt, kann er in einer Phantasiesprache parlieren und hagestolzend auf und ab marschieren.Da träumt er sich dann wohl als wortmächtigen Politiker - und gibt doch nur den armen Irren.Denn Herr Biedermann hat Probleme.Sein größtes ist seine absolute Humorlosigkeit.

Was immer Urs Dietrich in seinem fünfzigminütigen Soloversuch "An der Grenze des Tages" zu Musiken von Luigi Nono und Henryk Gorecki auch unternimmt - es ist gezeichnet von einer gnadenlosen Witzlosigkeit.Andererseits ist seine Choreographie jedoch auch nicht dramatisch, denn richtig ernst nehmen will Dietrich seine Figur nicht, schon gar nicht ihr irgendein Leben einhauchen.Er betreibt ein traurig ödes Gedankenspiel, eine Versuchsanordnung ganz ohne Gegenstand.

Der Abstand erklärt sich durch alles, was er nicht ist: kein Tanz, kein Theater und vor allem keine Spur einer Imagination.Dabei behauptet er zugleich einen intellektuellen Anspruch, der sich nicht eine Minute lang einlöst.Die akustische Verstärkung der läppischen Lärmereien macht nicht mal die leisteste Verzweiflung hörbar.Herr Biedermann - sollte es ihn denn geben - wäre wohl längst des Kummers gestorben.Das Ende seiner theatralen Vita hätte er mit Sicherheit nicht erlebt.Wie auch der Zuschauer Mühe hat, nicht vor Schluß dieser endlosen Unerheblichkeit dem Theater zu entfliehen.Im Programmheft liest er die Erklärung: "Die Zeit? Sie vergeht.Was vergeht? Die Zeit? Die Zeit ..." Nichts weiter.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben