Kultur : An der langen Leine

Musiker aus São Paulo bei Young Euro Classic.

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Die beiden echt brasilianischen Zugaben reißen die Besucher ungebremst von den Konzerthausstühlen. Mit voller Begeisterung verabschieden sie das Staatliche Jugendorchester São Paulo. Die Emotionen sind aber nur bedingt berechtigt: Vor allem durch Temporaserei und Dezibelrekord haben sich die jungen Musiker bei Tschaikowskys vierter Symphonie den gebührenden Respekt verschafft. Beim Jugendorchesterfestival Young Euro Classic aber hängt die Messlatte hoch, da ist der Grundsatz, dass schnell und laut gleichbedeutend mit beeindruckend sei, längst obsolet.

Viel hängt bei noch unerfahrenen Orchestermusikern am Dirigenten. Er muss Instrumentengruppen austarieren, Farben fordern, klar schlagen. An allem fehlt es bei Cláudio Cruz. Mit derart enthusiasmierten Musikern zu arbeiten, ist sicherlich die reine Freude. Es bedeutet aber auch große Verantwortung. Sowohl metrisch als auch klanglich bleibt bei Cruz viel Potenzial ungenutzt, über so manche Passage schludert sich das Orchester, ganz auf die Bewältigung der technischen Schwierigkeiten konzentriert, ganz einfach hinweg. Tschaikowsky allerdings hat Präzision mindestens so nötig wie Verstand und Seele. Das rechte Verständnis für klangliche und motivische Zusammenhänge geht den Musikern aus São Paulo leider ab. Das Blech dominiert viel zu ohrenbetäubend die Streichergruppe, die sich wiederum immer wieder Unsauberkeiten leistet. Und im Holz raubt die Aufregung so manchen langen Atem.

Schon bei Verdis Ouvertüre zu „La forza del destino“ zu Beginn des Konzerts deutet sich an, dass das Orchester handwerklich voll ausgelastet sein wird, und auch bei Heitor Villa-Lobos’ siebter „Bachiana Brasileiras“ mangelt es den Musikern vor allem an klaren, eindeutigen Strukturen. Schade, dass Cruz’ Leine vom Dirigentenpult aus zu viel Spiel hat. Spaß? Unbedingt! Aber vorher braucht’s nun mal Disziplin. Christian Schmidt

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