Kultur : An der Schattengrenze

Später Ruhm: Dieter Wellershoff und sein lange unterschätztes Werk

Katrin Hillgruber

„Das kunstvolle Gleichgewicht, in dem ein Mensch lebt, ist manchmal nichts anderes als der angehaltene Moment vor seinem unvermeidlichen Sturz“: Mit dieser Diagnose beginnt Dieter Wellershoffs Roman „Die Schönheit des Schimpansen“ aus dem Jahr 1979. Auch ein Vierteljahrhundert später ist sie noch gültig. Aus dem angedeuteten, sich verdichtenden Unheil bezieht Wellershoffs Prosa ihren unverminderten Reiz, ihre erregende Kühle und realistische Spannung. Zwar kommt es in den zehn Erzählungen des neuen Buches „Das normale Leben“ nicht zum Mord als Folge der unaufhaltsamen Selbstzerstörung eines Intellektuellen, der als einsamer Automatenaufsteller endet, doch korrodieren auch hier verschiedene Leben auf tragische Weise.

Das Auge, sagt die Bibel, ist das Licht des Leibes. Dieter Wellershoffs Roman „Der Liebeswunsch“ aus dem Jahr 2000 ist ein Augentext. Mit diesem Meisterstück der Gattung, das trotz leichter Hölzernheit überzeugte, meldete sich der 75-Jährige als Romancier zurück; seit „Der Sieger nimmt alles“ von 1983, einer Parabel über den unheilvollen Aufstieg eines Fließbandarbeiters, hatte er keinen Roman mehr veröffentlicht. „Der Liebeswunsch“ wiegt das äußere Auge mit fotografisch exakten Beschreibungen in Sicherheit. Gleichzeitig sendet er beunruhigend flackernde Lichtsignale an das „Leibeslicht“ des Lesers. Der Chirurg Paul, ein müder Verführer, prüft eingangs mit anatomisch geschultem Blick eine Kinokassiererin, mit der er sich eher lustlos verabredet. Vor seinem inneren Auge spuken indessen ganz andere traumatische Bilder herum: Gedanken an Anja, seine einstige Geliebte. Sie stürzte sich von einem Hochhaus zu Tode. Paul und andere Stützen der Gesellschaft sind an ihr schuldig geworden. An der belgischen Nordseeküste endete einst die gesellschaftliche Talfahrt eines Möbelhändlers: Der Held von Wellershoffs zweitem, nach Art des Nouveau Roman konstruierten Romans „Die Schattengrenze“ (1969) gerät nicht nur unter Autoschieber, sondern sieht sich in seiner selbstverschuldeten Isolation am Meer auch mit Wahnvorstellungen konfrontiert.

Wellershoffs schnörkellose Sprache ist den Denkweisen von Anthropologen wie Arnold Gehlen und Niklas Luhmann geschuldet. Häufig sind es die Frauen, denen die Rolle der desillusionierten „Wahrsprecherinnen“ zukommt. Besonders eindrucksvoll gelang das Angelica Domröse in dem Fernsehspiel „Flüchtige Bekanntschaften“ (1982): In der Rolle der alleinstehenden Krankenschwester Susanne erfährt sie jede Kontaktanbahnung als Schmerz. In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen „Das Schimmern der Schlangenhaut“ von 1996 spricht Dieter Wellershoff von einer „Gespensterparade der Personen, die ich auf den Weg brachte, um an ihnen die Unglücksmöglichkeiten des falschen und scheiternden Lebens darzustellen“. Seine Seelenarbeit findet konsequent im Inland, vorzugsweise in Köln-Rodenkirchen, statt. Vielleicht erscheint dieser Autor deshalb manchen Jüngeren als zu deutsch; vielleicht sieht er ihnen, die besten Traditionen der von ihm begründeten „Kölner Schule des Neuen Realismus“ bewahrend, einfach nur zu genau hin. Unter dieser Arbeitshypothese förderte er als Lektor Altersgenossen der „skeptischen Generation“ wie Nicolas Born, Günter Seuren, Rolf Dieter Brinkmann oder Günter Herburger.

Jenseits hervorragend inszenierter Oberflächenspannung beabsichtigt Wellershoff den Frankfurter Vorlesungen zufolge, die Lebensinteressen seines Publikums anzusprechen, „seine Wünsche und Ängste, seine geheimen Fantasien, und das kann überhaupt nur geschehen, wenn solche existenziellen Interessen auch schon das fantasieauslösende Moment des Autors waren“. Diese Fantasie nährt sich, vor allem im Frühwerk, oft von einem kriminellen Stimulus. Heute ist eher eine Auffächerung erotischer Verheißungen daraus geworden.

Den Verlierertypen seiner früheren Bücher stellt der Autor in den letzten Jahren Menschen reiferen Alters mit ihren hilflosen bis drängenden Sehnsüchten zur Seite. Dieter Wellershoff, Spezialist für Existenzgefährdungen, schildert dieses altmodische, anrührende Skandalon, diesen Opfergang der „Vergeblichen“ im Sinne Gottfried Benns („Denk der Vergeblichen“), mit stilistischer Noblesse und sprachlicher Konkretion. Heute feiert er in Köln seinen 80. Geburtstag.

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