Kultur : An der schönen blauen Spree

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von Frederik Hanssen

Es soll ja Menschen geben, die sich zum neuen Jahr geschworen haben, endlich damit aufzuhören, sich CDs von Freunden brennen zu lassen, und ihre Tonträger künftig legal im Laden zu erwerben. Weil aber gute Vorsätze nun einmal dazu tendieren, schnell wieder in Vergessenheit zu geraten, setzten zwei große Plattenfirmen diesmal alles daran, das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker sowie das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker schnellstmöglichst auf den Markt zu werfen. Am 7. Januar schon lagen die Scheiben pressfrisch nebeneinander im Laden – und luden ein zum Hörvergleich. Wo sitzt denn nun das bessere Orchester: in der deutschen oder der österreichischen Hauptstadt?

Man muss kein Lokalpatriot sein, um die Palme diesmal den Berlinern zu überreichen. Lorin Maazels Verdienste in Ehren – doch beim Wiener StraussPotpourri anno 2005 drängt sich einmal mehr das ungute Gefühl auf, dass sich der Maestro eigentlich gar nicht mehr für die Musik interessiert, die er da dirigiert. Seit seinem neunten Lebensjahr steht der inzwischen fast 75-Jährige auf dem Podium; die Eleganz seiner Gestik ist immer noch unübertroffen – doch das nützt auf einer CD leider wenig. Alles klingt tadellos, aber eben auch verwechselbar. Was Simon Rattle dagegen mit Carl Orffs „Carmina Burana“ anstellt, geht derzeit wohl nur mit diesen Berliner Philharmonikern und dem famosen ROC-Rundfunkchor. Jeder Ton scheint wie ein Sprössling der Frühlingssonne entgegenzustreben, bis zum hintersten Pult sind alle Mitwirkenden von der Lebensfreude durchpulst, die Rattle ausstrahlt.

Von einem Konkurrenzkampf der Klassikgiganten mag Sir Simon allerdings nichts hören. Er arbeitet mit beiden Orchestern gleichermaßen gerne und plant in Kürze sogar ein Gemeinschaftsprojekt: Gustav Mahlers sechste Sinfonie, am 2. April in der Berliner Philharmonie, im Mai dann im goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Mal sehen, wer hinterher für wen brennt.

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