Kultur : An der Wiege der Menschheit

Unsere Vorstellung vom Kontinent der Kolonien: „After Year Zero“ im Haus der Kulturen der Welt.

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Machthaber von gestern. Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi: „Gruppenbild mit Revolver! Wir sind mitten im Kolonialfeldzug. 1936.“ (Detail). Foto: Courtesy the artists
Machthaber von gestern. Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi: „Gruppenbild mit Revolver! Wir sind mitten im Kolonialfeldzug....

In Paris ist gerade erst eine große Ausstellung zu Georges Braques im Grand Palais eröffnet worden. Der algerisch-französische Künstler Kader Attia konnte sie sich selbst noch nicht anschauen. Aber was ihn brennend interessierte: Sind dort afrikanische Masken ausgestellt? Denn Braques ließ sich wie viele Kubisten seiner Zeit von den geometrischen Formen der Volkskunst inspirieren. Ein Freund Attias vor Ort teilte mit: Nein, nur Abbildungen von Masken sind zu sehen. Warum der Künstler das wissen wollte? Weil er sich mal wieder bestätigt sieht. Der Westen hat immer noch klare Vorstellungen davon, was Kunst ist und was nicht. Also, was sich lohnt, mit der Aura des Originals präsentiert zu werden und was nicht.

Die Anekdote erzählt Attia bei der Eröffnung der Ausstellung „After Year Zero“ im Haus der Kulturen der Welt und führt mit diesem kleinen Exkurs zielgerade zum Thema der Schau, die ein weiterer Programmpunkt im dichten Berlin Art-Week-Kalender ist. Es geht um die Dekolonialisierung des afrikanischen Kontinents nach 1945 und um ein Umdrehen der Perspektiven. Hierzulande denkt man – bis heute – vor allem an den Kalten Krieg, wenn es um die Neuordnung der Machtverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg geht.

Dabei vergisst man, dass auch Afrika vor entscheidenden Veränderungen stand, dem Ende der Kolonialherrschaft. 1955 fand die erste Afro-Asiatische Konferenz im indonesischen Bandung statt, bei der sich 29 Länder (und damit die Vertreter der Hälfte der Weltbevölkerung) zusammenfanden, um zukünftig wirtschaftlich und kulturell zusammenzuarbeiten. Zwei Jahre später wurde Ghana als erstes Land Afrikas unabhängig. Von dieser anderen Art der Geschichtsschreibung und den Prozessen des Postkolonialismus erzählt die klug verdichtete Ausstellung. Sie vereint, optisch ansprechend, Dokumente und Arbeiten von sieben Künstlern, Filmemachern und Aktivisten. Unter dem Titel „Geografien der Kollaborationen“ findet außerdem im Oktober und November eine Konferenz begleitend dazu statt.

Kader Attia nun, einer der beteiligten Künstler und selbst ein Grenzgänger zwischen den Kontinenten, hat sich in seiner Installation dem Vatikan und seiner großen Sammlung afrikanischer Kunst- und Kultobjekte gewidmet. Wie kann es sein, dass eine Kirche, die noch unter Papst Benedikt XVI. auf das Recht zur Missionierung Andersgläubiger pochte, wahrscheinlich seit der Renaissance all diese Schätze anhäufte – und der Öffentlichkeit nicht zugänglich macht? In einer Dia-Projektion macht er auf diese Paradoxie aufmerksam. Fotos von kultischen Masken laufen da neben Reliquienschreinen über die Leinwand. In einem Video fragt er Experten. Die vertreten die These, dass Geistliche die Gegenstände einst aus den fernen Ländern mitbrachten, um erschreckende Beweise zu haben, wie dringend notwendig die Finanzierung einer weiteren Mission sei. Nicht auszuschließen sei jedoch auch, dass die Objekte nicht zerstört wurden, weil die Gelehrten ihnen eben doch eine gewisse kosmologische Aura nicht absprechen konnten.

Der Ausstellung gingen eine Reihe von Workshops voran, die die beiden Kuratoren Anselm Franke und Annett Busch mit- hilfe des Goethe-Instituts im vergangenen Jahr in Algier, Dakar, Paris und Johannesburg mit den Künstlern veranstaltet hatten. Mindestens genauso sehenswert wie die Installationen und Filme, die als Essenz daraus entstanden, ist die Dokumentation dieser Zusammentreffen im Foyer zur Ausstellung. In einem Videomitschnitt erzählt die charismatische Regisseurin Jihan El-Tahri über Ägypten. „Wir müssen zur Hölle noch mal herausfinden, wer wir sind“, sagt sie ernst und attestiert ihrem Heimatland eine Identitätskrise. Jihan El-Tahri wünscht sich eine Rückbesinnung auf afrikanische Wurzeln.

In Vitrinen werden Schlagworte der postkolonialen Geschichte abgehandelt, die Suezkrise, der Panafrikanismus. Es wird der senegalesische Kulturhistoriker Cheikh Anta Diop vorgestellt, der in seinem Werk „Nations Nègres et Culture“ aus den sechziger Jahren die bis heute umstrittene These vertrat, dass die alten Ägypter Schwarze waren und folglich die Wiege der Kultur in Afrika liegt. Manchmal sind es nur kleine, kuriose Details in den Schaukästen, die die unterschiedlichen Blickwinkel von Europa und Afrika deutlich machen und zu ganz erfreulich erhellenden Momenten führen. Da liegen bunte Sonderbriefmarken aus Tansania zum Gedenken an Bruce Lee. Er taugte als Identifikationsfigur und Held gleichermaßen. Lee hatte als Kind in Hongkong die japanische Besatzung miterlebt, später lieferte er sich mit den überheblichen Söhnen der britischen Kolonialmacht Kämpfe, weil sie ihn und seine chinesischen Freunde hänselten. Zu Verteidigung soll er mit dem Kampfkunst-Unterricht begonnen haben. Die Kung-Fu-Legende war lange Zeit in Afrika der berühmteste Chinese. Vor Mao.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, bis 24.11., Mi-Mo und feiertags 11-19 Uhr. Konferenz am 3.-5.10. und 23.-24.11. Infos unter: www.hkw.de

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