Kultur : An die Wand gefahren

Kalkulierter Vandalismus: Dan Peterman und Jeppe Hein in zwei Berliner Galerien

Raimar Stange

Die Klimakatastrophe wirft ihre Schatten voraus – auch im Galerie- und Kunstbetrieb. So hat der amerikanische Künstler Dan Peterman, seit Ende der achtziger Jahre bekannt für seine Recycling-Kunst, jetzt in der Galerie Klosterfelde sein „Dragging Cafe“ vorgestellt: Ein Elektroauto steht im cleanen Galerieraum, im Schlepptau hat es gebrauchte Gartencafé-Möbel. Die hintersinnige Arbeit ist ein Zwitter von Installation und Performance, fahren doch der Künstler und das Galeriepersonal ab und zu mit dem „Dragging Cafe“ herum. Dabei hinterlässt es nachhaltige Spuren, denn die an Ketten miteinander vertauten Tische und Stühle schlagen gegen die Wände und hauen Dellen, Putz bröckelt von der Decke und schwarze Streifen markieren den Weg des seltsamen Ensembles.

Dan Peterman resümiert mit diesem kalkulierten Vandalismus eigene Erfahrungen mit ökologisch orientierter Kunst: Einerseits wird seine Kunst, die einst aus dem hehren White Cube auszog, um auf Schrottplätzen oder Gewächshäusern neue Formen eines umweltbewussten Umgangs mit Ressourcen zu demonstrieren, heute vor allem im Kunstbetrieb wahrgenommen. Sein Recycling-Center in Chicago ist letztes Jahr einer Brandstiftung zum Opfer gefallen. Das Gelände war inzwischen für Immobilienmakler interessant geworden. Im „richtigen Leben“ haben alternative Projekte angesichts von Globalisierung und profitorientiertem Neoliberalismus kaum noch reale Aussichten auf Erfolg. Wohl aber setzen sie sich im Kunstbetrieb durch, wo sie gerne ausgestellt werden, wenn man so will, als schlechtes Gewissen einer Gesellschaft. Das „Dragging Cafe“ reflektiert diese Tendenz und meldet mit seiner schrittweisen Zerstörung des Kunstraumes gleichzeitig Protest an.

Als zweite Arbeit präsentiert Dan Peterman seine „Villa Deponie“. Das scheinbar idyllische Häuschen entstand aus recyceltem Schaumstoff aus einer Müllverwertungsanlage in Südtirol. Doch der zweite Blick zeigt auch hier die Anzeichen einer fortschreitenden Auflösung: eine Außenwand scheint nach vorne heruntergeklappt zu sein. Dieses architektonische Gegenmodel zur Überflussgesellschaft löst sich auf, bevor es in Serie gehen könnte.

Auch in der Galerie Johann König steht das Problem eines sich selbst zerstörenden Systems auf dem ästhetischen Masterplan: Der junge dänische Senkrechtstarter Jeppe Hein hat eine silberne Stahlkugel mit einem Durchmesser von etwa 70 Zentimetern auf den Boden der beinahe leeren Galerie gelegt. Auf dem Fensterbrett sieht man einen Bewegungsmelder, der mit der Stahlkugel über Funk verbunden ist. Er setzt die Kugel immer dann in Bewegung, wenn die Eingangstür aufgeht und jemand den Raum betritt. Nun rollt die massive Kugel geradeaus – bis sie mit Wucht an eine der Wände schlägt. Jetzt ändert sie ihre Rollrichtung und steuert die nächste Wand an. Der „anstößige“ Vorgang wiederholt sich so lange wie der Besucher sich in dem so von der Stahlkugel traktierten Raum aufhält – der Kunstraum zerstört sich tendenziell durch das Verschulden des Besuchers von selbst. Dabei hinterlässt die Kugel natürlich, wie schon Petermans „Dragging Cafe“ in der Galerie Klosterfelde, Spuren: Fußleisten und Steckdosen werden traktiert, die Tür bekommt Einschläge und an den Wänden sind schwarze Abdrücke zu sehen. Da die Kugel die Wände immer in gleicher Höhe berührt, entsteht hier Kollision für Kollision ein fast gerader Strich, eine gleichsam minimalistische Wandzeichnung, die durchaus einen ästhetischen Reiz besitzt. So gelingt es Jeppe Hein mit seiner Installation „360ø presence“ Situationen von Kunstwelt und Umwelt miteinander kurzzuschließen: Hier wie da brechen Systeme während ihres vermeintlichen Funktionierens langsam in sich zusammen.

Galerie Klosterfelde, Zimmerstraße 90/91, bis 2. November; Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr. Galerie Johann König, Weydingerstraße 10 bis 9. November, Dienstag bis Sonnabend 11-19 Uhr (Preise aus Anfrage).

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