Kultur : An die Wand

Die „Expressionale“ in Berlin: ein Experiment

Christiane Meixner

Es hätte sogar sehr gut werden können. Allein der künstlerische Fundus, den die „Expressionale“ ins Zentrum ihrer gigantischen Schau am Potsdamer Platz rückt, ist bemerkenswert: 150 Werke der Sammlung Karsch-Nierendorf. Darunter Akte und Porträts von Ernst Ludwig Kirchner, aquarellierte Landschaften von Emil Nolde und Blätter von August Macke.

Schon in den zwanziger Jahren handelte Karl Nierendorf nicht nur mit den großen Namen des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Er sammelte auch selbst. Später hat Florian Karsch die Familientradition der Galerie Nierendorf weitergetragen, und so ist über die Jahrzehnte eine außerordentliche Kollektion mit einem Schätzwert im dreistelligen Millionenbereich gewachsen, die in Berlin zwar angesiedelt und dennoch viel zu wenig präsent ist.

Das zu ändern, ist einer von vielen Ansprüchen der „Expressionale“. Die USB art consult präsentiert mit dem klangvollen Namen eine „neuartige Mixtur aus musealen und kommerziellen Werkschauen“. Was sie darunter versteht, erfährt man in den Park-Kolonnaden – einer Immobilie am Potsdamer Platz, die seit langem leer steht.

Die kulturelle Umwidmung von Büroräumen ist nicht das Problem. Auch nicht die zeitgleichen Ausstellungen mit Werken von Gerhard Marcks oder Rolf Händler, deren Arbeiten in den Schauen verkäuflich sind. Viel mehr entsetzt der Umgang mit der Kunst von musealer Qualität, der eine in keinster Weise adäquate Präsentation gegenübersteht: Die wunderbaren Gemälde hängen an schlichten Stellwänden – ohne jedes kuratorische oder wenigstens architektonische Konzept. So aufwendig die Kataloge gemacht sind, so unbegleitet kommt daher, was eigentlich im Zentrum der „Expressionale“ stehen müsste: die Kunst selbst. Und je länger man sich zwischen den Bildern von Ernst Barlach, Max Beckmann, Otto Mueller oder George Grosz aufhält, desto lauter möchte man rufen: Das haben sie nicht verdient! Sie gehören ins Museum.

Dort waren sie zum Teil auch schon einmal, und dass USB art consult die „Expressionale“-Werke als die wichtigsten der Sammlung Karsch-Nierendorf preist, enthüllt ganz nebenbei einen juristischen Streit, der unbemerkt von der Öffentlichkeit seit Jahren brodelt. Spitzenwerke der Sammlung hatte Mäzen Florian Karsch nämlich einst der Berlinischen Galerie nach seinem Tod versprochen und dem Museum verschiedentlich auch bereits geliehen. Inzwischen hat er die postume „Hingabe“ annuliert. Er sei, sagt Karsch, damals falsch informiert gewesen und würde seinen Sohn mit der Schenkung ruinieren. Nun klagt das Land Berlin und will die versprochene Schenkung einfordern. Ein Gerichtsprozess ist für Juni angekündigt, und auch dieser Termin lastet zusätzlich auf der „Expressionale“. Den Werken tut das alles nicht gut. Christiane Meixner

Bis 24.8., Park-Kolonnaden am Potsdamer Platz, Di-So 10-22 Uhr.

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