Kultur : An geraden Tagen Liebe, an ungeraden Zank

ULRIKE BAUREITHEL

Die Bilder erinnerten an Wochenschauen, wären da nicht die entgleisenden Züge auf den Gesichtern der deutschen Offiziere.Jenseits der Grenze, singt man, im schönen Tirolerland, doch man sitzt tief im Osten und feiert den Sieg über die bolschewistische Luftwaffe.Durch die Türe rutschen auf Knien zwei Russen, die auf einem Samtkissen den Schlüssel der Stadt Moskau, und - unter allgemeinem Johlen - eine Flasche Wodka überreichen.Am Ende des Streifens überrollen russische Panzer rücksichtslos das Szenario; die Deutschen fliehen.Nur ein Gefreiter, mit einer halb von der Nase gerutschten Intellektuellenbrille, blickt feuchten Auges zurück, und es sind nicht nur Tränen des Zorns und der Ohnmacht.

"Mad Fritz", dem diese Szene entnommen wurde, entstand 1995.Ihn habe, erklärt sein Autor Vladimir Sorokin, das auffällig liebevolle Bild der deutschen Besatzer im sowjetischen Spielfilm interessiert.Aus dem reichen Material hat er seinen neuen Film zusammengestellt."Mehr, mehr", fordete das Publikum, das im Roten Salon der Volksbühne stundenlang ausgeharrt hatte, um die kaum zehnminütige Sequenz zu sehen.

Es war ein Match der eigenen Art, das sich der Moskauer Prosaist Vladimir Sorokin und der in Leipzig geborene, seit 1985 in Berlin lebende Dichter Durs Grünbein lieferten: Am Anfang etwas schwergängig, nie aggressiv, sich hie und da elegant den Ball zuspielend, zwischendurch leicht erschöpft und ohne Choreographie, denn die Moderatorin Kerstin Holm, FAZ-Korrespondentin in Moskau, begnügte sich mit der Rolle der unsicher wirkenden Aufruferin.

Anlaß dieser deutsch-russischen Begegnung war die Berufung Sorokins nach Berlin, wo er einen Sommer lang erstmals die kürzlich eingerichtete Samuel-Fischer-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin innehat.Die beiden Autoren - obwohl im "russischen Einflußbereich" aufgewachsen - kennen sich erst einige Jahre, seit sie sich in Dresden begegneten.Darauf folgten nicht nur Exkursionen in die Literatur des Gesprächspartners, sondern gegenseitige Besuche im jeweils anderen Land.

Das deutsch-russische Verhältnis, da waren sich beide einig, ist von jeher ein obsessives.Die erotische Faszination, die die Länder aufeinander ausüben, kleidete der Russe mit "seiner Vorliebe für Anales und Genitales" in die unvermeidliche Geschlechtermetapher: Zwischen Deutschland und Rußland herrsche das krankhafte Verhältnis von ehemals Liebenden.An geraden Tagen sei man verliebt, an ungeraden "zanke und ficke man sich grausam".Die Frage ist nur stets: Wann kommt der nächste fight.Grünbein faßte dies in die analytischen Begriffe von verspäteter Nation respektive verspäteter Moderne zusammen und handelte sich den Vorwurf ein, "rationalistisch" zu sein.

Dabei fanden beide in ihren wechselseitig gelesenen Texten Bilder von hoher poetischer Dichte, um die Abgründe deutsch-russischer Haßliebe zu beschreiben.Grünbeins "Transpolonische Suite" führte auf einem "Schleichweg ins Chaos".Auf der Fahrt von Jena nach Königsberg gingen ihm alle "Begriffe verloren", und was im Paß steht, sei auf Ablauf gestellt.In umgekehrter Richtung reiste Sorokin 1990 nach Dachau, wo er sich im Anblick des Grauens mit der eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert sah.

Spiegel und Zerrspiegel, Projektionen, die sich zu Klischees verhärtet haben.Der Deutschen Ordnungsliebe einerseits, die der Russen "Neigung zu Totalitarismen" bedient und deren bürgerliche Ausformung sie nicht ertragen, weil sie den Körper triebreguliert.Auf der anderen Seite steht die deutsche Faszination für russisches Chaos und Barbarei.Die blinde Revolutionseuphorie der deutschen Intellektuellen ist die unblutige, die Barbarei der deutschen Wehrmachtssoldaten, die jenseits der (Körper-)Grenzen "die Sau rausließen", die blutige Exekutierung jener Sehnsüchte, die sich auf "das Andere" beziehen.Im Moskauer Zoo, "jenseits des Drahtzauns", so der deutsche Dichter, schreitet die Gepardin, das "edle Tier", inmitten des Schmutzes.

Das sprachversierte Publikum im Roten Salon, das schon lachte, bevor die Übersetzerin die Pointe lieferte, begriff den Umgang der beiden Autoren mit den Land ironisch, was ihrerseits heftig zurückgewiesen wurde.Absurdität statt Ironie, behauptete Grünbein, und Sorokin verweigerte sich der Zumutung, "mit Herzblut" zu schreiben, wie es sich für einen Russen gehörte.Er forderte von der Poesie eine neue Ironie, die der Überwindung des Körpers im 21.Jahrhundert Rechnung trägt.Dafür (er)fand er die grausige Geschichte von einem Bankett, auf dem Natascha ihren Vater gebacken serviert und sich der Erzähler darüber wundert, daß man in Rußland so etwas Schönes finden kann, wie den hohlen Schädel eines ausgeschlachteten Mercedes.

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