Kultur : An Idealen gerüttelt

POP

Thomas Thiel

Die Organisatoren des „Festivals Musik und Politik“ schienen sich ihrer Sache nicht so ganz sicher zu sein: Immer mal wieder lese man von einer Renaissance des Protestsongs, verlautbart der offizielle Pressetext. Offensichtlich sei da was politisch in Bewegung geraten, möglicherweise auch musikalisch, also wolle man da mal nachhaken. Ein bisschen nur, versteht sich.

Glücklicherweise hat das Festivalkomitee mit den Goldenen Zitronen dann aber eine Band eingeladen, die seit jeher für klare politische Aussagen steht: „Ja, wir sind Idealisten, es kommt nur darauf an, von Zeit zu Zeit die Verpackung zu wechseln“, sagt Schorsch Kamerun, der Frontmann. Welche Verpackung hat er diesmal gewählt? Man könnte es Konzeptrock nennen. Kamerun, auch zeitweiliger Regisseur an der Volksbühne , hat – vielleicht dortselbst? – im Theaterfundus gewildert und schickt seine Zitronen in Barockkostümen vors Publikum. Mit Culotten, Rüschenhemden und Zopfperücken: Man ist ganz auf würdevolles, aristokratisches Auftreten bedacht. Doch bei all dem höfischen Zeremoniell bleiben die Zitronen vor allem eine lärmende Pogo-Band. Das merkt man an dem schneidenden Riffs, den stumpfen Beats und den Stakkato-Parolen: „Immer diese Widersprüche, Widersprüche, Widersprüche ...“

Keine Frage, die Songs bieten Reibungsflächen. Am Ende hält die Zuschauer nichts mehr auf ihren Theatersitzen. Sie stürmen auf die Bühne, die Fronten zwischen Künstler und Volk vermischen sich, die Volksbühne wird ihrem Namen immer gerechter. Mit leiser Ironie liefert Kamerun die dazu passende Kulturtheorie: „Aufgelöste Hierarchien, karnevaleske Szenen. Das ist ein Stück Postmoderne“, doziert er milde lächelnd. „Ach, Theater.“

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