Kultur : An Wasserflüssen

Früheste Musikhandschriften Bachs entdeckt

Christiane Tewinkel

Bach-Forscher arbeiten wie Schatzsucher. Sie durchstöbern Archive in Eisleben, Ronneburg, Ohrdruf oder Arnstadt, wenden Papier auf Papier und lassen auch verwitterte Bucheinbände nicht ununtersucht oder vermeintlich Nicht-Musikalisches. In der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek entdeckten die Musikwissenschaftler Peter Wollny und Michael Maul vom Leipziger Bach-Archiv nun die bislang frühesten Schriftstücke Bachs. Weil es sich nicht um gewöhnliche Notenschriften handelt, sondern um Tabulaturen – Gebrauchsbuchstaben und -häkchen gewissermaßen fürs praktische Musizieren, die für ungeübte Augen aussehen können wie orientalische Schriftzeichen –, hatten vormalige Archivare die Papiere unter „Theologica“ abgelegt. Niemand hatte vermutet, dass sich hinter den sechs fein beschriebenen Seiten eine kleine musikwissenschaftliche Sensation verbergen könnte.

Auch wenn mit dem Fund, von dem die Leipziger Forscher nun Kenntnis geben, nicht „neue“ Kompositionen, sondern allein Abschriften Bachs von Stücken anderer Komponisten aufgetaucht sind: Die 1700 und kurz davor von ihm angefertigten Kopien der Buxtehude-Choralfantasie „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ und von Johann Adam Reinken „An Wasserflüssen Babylon“ zeigen, wie früh und brennend sich schon der Jüngling für technisch überaus anspruchsvolle Stücke interessierte, wie sehr ihm daran gelegen war, sich selbst in ein pädagogisch-kompositorisches Netz hinein zu knüpfen. Die etwas jüngere Abschrift der Reinkenschen Choralfantasie enthält zudem den ersten Beleg dafür, dass Bach ein Schüler des Lüneburger Organisten Georg Böhm war. Das zeigt die Angabe “â Dom. Georg: Böhme | descriptum ao. 1700 | Lunaburgi:”.

Doch nicht um Bach allein geht es hier. „Die Musikerfamilie Bach in den Archiven Mitteldeutschlands“ heißt der Titel eines vom Bach-Archiv betreuten Langzeit-Projektes, das auch die jüngste Entdeckung ermöglichte. Längst ist zwar abzusehen, dass das Durchkämmen der Lokalarchive auch wieder echte Bach-Kompositionen an den Tag bringen wird – so eben, wie vor einem guten Jahr Michael Maul schon einmal eine Originalkomposition entdeckte, ein 1713 komponiertes Geburtstagslied für den Weimarer Herzog. Und natürlich träumen die Bach-Forscher davon, etwa das Ende der „Kunst der Fuge“ zu finden, weitere Kantaten oder gar die Markus-Passion.

Aber vorerst sind sie zufrieden damit, die Bausteine eines großen Musik-Gebäudes zusammenfügen zu können. Dutzende Dokumente, so der Direktor des Bach-Archivs, Christoph Wolff, hat man seit Beginn der Forschungsarbeit 2002 gefunden: die Bewerbung eines Bach-Schülers etwa, dem ein Empfehlungsschreiben des Thomaskantors beigelegt war. Oder ein Dokument, nach dem ein Bach-Neffe in Öhringen sich Vorwürfen wegen Unzucht ausgesetzt sah. Und noch zur jüngsten Entdeckung gehört die Erkenntnis, dass Bach das Schüler-Lehrer-Verhältnis zum Lüneburger Organisten Georg Böhm offenbar sehr am Herzen lag. Womöglich hat er auch wegen seiner Ohrdruf gen Lüneburg verlassen – nicht nur wegen des Stipendiums an der Michaelisschule.

ab 21.9., täglich 10-17 Uhr, zeigt das Leipziger Bach-Archiv die Handschriften und andere kürzlich entdeckte Dokumente in der Ausstellung „Expedition Bach“.

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