Kultur : Anarchie im Fliegenglas Der Eichborn Verlag probt den Aufstand gegen den neuen Chef

Jörg Plath

Flötentöne dringen derzeit aus dem Frankfurter Haus des in die Krise geratenen Eichborn Verlags. Peter Wilfert, gegen den offenen Widerstand der Beschäftigten zum neuen Verleger bestellt, ist seit einigen Tagen damit beschäftigt, Befürchtungen zu zerstreuen, Vertrauen aufzubauen und für seine Pläne zu werben. „Ich will das Buchprogramm nicht beschneiden“, beteuert er. „Um profitabel zu arbeiten, ist eine gewisse Größe und Diversifizierung nötig, und die besitzt Eichborn mit Eichborn.Berlin, dem Hörbuch-Label Lido, der Anderen Bibliothek bis hin zu den frechen Büchern. Vielfalt minimiert das Risiko. Ich denke eher daran, die Verlagsteile selbstständiger arbeiten zu lassen, um ihr Profil zu schärfen. Und ich möchte die internationale Literatur, von der schwedischen bis zur neuseeländischen, von der irischen bis zur italienischen heimisch machen bei Eichborn.“

Nanu? Profilierung und Erweiterung? Gibt es denn gar kein Krisenbewusstsein in Frankfurt am Main? Immerhin wies Eichborn, der „Verlag mit der Fliege“, als einziger börsennotierter Verlag Europas zur Offenlegung seiner Zahlen verpflichtet, im vergangenen Dezember für die ersten neun Monate einen Verlust von 2,476 Millionen Euro bei einem Umsatz von 15 Millionen aus. „Die bisherige Strategie ist gescheitert“, gab Vorstand und Verlagsgründer Matthias Kierzek unumwunden zu.

Die Strategie war den Konzernen abgeschaut. Wie sie wollte der Mittelständler Eichborn, mit einer wilden Mischung aus Dietrich Schwanitz’ „Bildung“, der Debütantin Jenny Erpenbeck, dem „Aldidente“-Kochbuch (1,5 Millionen verkaufte Exemplare) und Walter Moers’ „Kleinem Arschloch“ erfolgreich, eine komplette Verwertungskette anbieten: Buch, Merchandising (Kaffeetassen, Nippes, T-Shirts etc.), Hörbuch, Musikbearbeitung, Verfilmung. Der Börsengang im Jahr 2000, bei dem eine Million Aktien zum Kurs von 12 Euro ausgegeben wurden, füllte die Kriegskasse. Die Eichborn AG beteiligte sich an der Filmagentur ATL Books, der Musikmarketing-Firma Double Fun und der Produktionsgesellschaft Classic Film, kaufte die Büros für Berufsstrategie, eine Mehrheit am Züricher Pendo Verlag und gründete das Hörbuch-Label Lido.

Als die Börsenkurse ins Bodenlose stürzen, platzen Eichborns Konzernträume noch lange nicht. Von „Anfangsverlusten“ ist die Rede. Sie verringern sich nicht. Im Dezember räumt Vorstand Matthias Kierzek schließlich Fehler ein und tritt die Flucht nach vorne an: Er holt den Rowohlt-Sanierer Peter Wilfert ins Haus, als Vorstandsmitglied für Programm und Marketing. Auf die faktische Entmachtung reagiert Verlagsleiter Wolfgang Ferchl mit einer Kündigung, ebenso die Pressechefin Susanne Klein. Ferchl wird nun Verleger von Piper und nimmt den Bestsellerautor und Eichborn-Anteilseigner Walter Moers gleich mit.

Rambo und das Kerngeschäft

Dann proben die Verlagsmitarbeiter den Aufstand. Schließlich steuert das Buchprogramm nicht nur 90 Prozent des Umsatzes bei, es ist auch trotz der kränkelnden Branche erfolgreich. In einem offenen Brief sprechen sie Kierzek Brief das Misstrauen aus und fordern Vertriebschef Andreas Horn als Nachfolger von Ferchl. Kierzek setzt sich durch, Horn kündigt.

Als einer der letzten in der Buchbranche konzentriert sich Kierzek jetzt auf das Kerngeschäft: Die Beteiligungen an der Classic Film und ATL Books sind bereits abgestoßen. Kierzeks neuer Mann Wilfert soll das Buchgeschäft stärken. Ihm eilt ein Ruf wie Rambo voraus: Wilfert, der bei dem zu S. Fischer gehörenden Krüger Verlag mit leichter Kost erfolgreich war, vergraulte bei der Sanierung des defizitären Rowohlt Verlags Autoren wie Imre Kertész, Elfriede Jelinek und Péter Nádas sowie fast die ganze Mannschaft des Rowohlt Berlin Verlags.

Doch der zweiundfünfzigjährige Wilfert möchte Verleger, kein Sanierer sein. „Eichborn ist solide. Ich hätte bei manchen meiner früheren Verlage gewünscht, eine solche Eigenkapitalquote zu haben.“ So könnte das neue Engagement für Wilfert, der das vergangene freie Jahr für Lektüre und eine Tischerlehre genutzt hat, die Chance sein, sich ein anderes Image zuzulegen. Es bleibt abzuwarten, ob sich sein Riecher für populäre Literatur mit dem etwas anarchischen Gemischtwarenladen Eichborn verträgt.

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