Kultur : Anarchische Alarmglocken

MARTIN WILKENING

Es ist ein Mythos der Musik der zwanziger Jahre: George Antheils "Ballet mécanique".Mit seiner Ästhetik einer Geräusch- und Maschinenmusik war es angesiedelt irgendwo zwischen den rohen Versuchen der italienischen Futuristen, den inspirierten Stücken von Edgar Varèse und der gepflegten Maschinensymphonik à la Arthur Honegger oder Alexander Mossolow.

Im heutigen Konzertsaal ist Antheils exzentrische Komposition wohl deshalb so gut wie nie zu hören, weil sie in ihrer ungewöhnlichen Besetzung den Einsatz von Pianolas, selbstspielenden Klavieren, verlangt, die schwer zu synchronisieren sind.Das hatte den Komponisten schon nach der Pariser Uraufführung 1926 zu Revisionen in der Instrumentierung bewegt.Mit der Version, die das Ensemble Modern jetzt im sehr gut besuchten großen Saal des Konzerthauses vorstellte, läßt sich eine Ahnung von Antheils Intentionen gewinnen, unter denen die Attitüde des Bürgerschrecks sicher nicht die kleinste Rolle spielte.Tatsächlich vermitteln die hämmernden Repetitionen von zwei (hier computergesteuerten) Pianolas, sechs weiteren Klavieren und elf Schlagzeugern (vor allem grellen Xylophonen) zunächst einmal eine kindisch-infernalische Freude am Lärm-Machen, einen anarchischen Zorn, in den Alarmglocken, Sirenen und Propellergeräusche als Signale des Katastrophischen, der Panik und Beklemmung in die Klangmassen hineintönen.Wieviel dabei Ironie, wieviel authentischer Ausdruck sein soll, läßt sich heute, von so weit entfernten historisch-ästhetischen Erfahrungen her, schwer sagen.Etwas Fesselndes aber besitzt Antheils Stück, neben den Momenten, in denen sich die etwas primitive Harmonik auffächert, vor allem in der elementaren, auch rohen, rhythmischen Kraft, die über die Zeiten hinweg von der Delikatesse Strawinskyscher Archaik schon auf Heutiges zielt, von der Musik der Einstürzenden Neubauten etwa ist das nicht gar so weit entfernt.

Eröffnet hatte das von Peter Rundel geleitete Ensemble Modern seinen Abend in vorsätzlicher Harmlosigkeit mit Erik Saties "Sieben ganz kleinen Stücken" zu seinem Schauspiel "Le Piège de Méduse".Auf die Antheil-Überraschung folgte dann die noch größere: John Cages "Sixteen Dances for Soloists and Company of Three" - poetisch wunderbar inspirierte, sich leichtfüßig und filigran aus Einzelklängen wechselnder Dichte zu großen Bögen fügende Musik, komponiert 1959/51: In ihrem Wechselspiel von Ausdrucksscheu und Sehnsucht nach Ausdruck wirkte das nach der Überwältigungsstrategie Antheils wie ein reinigendes Bad.

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