Anbau des Sprengel-Museums Hannover : Brikett aus Beton

Das Sprengel-Museum hat einen Anbau bekommen, der in Hannover nun doch noch Freunde findet. Mit dem Probelauf zeigt der Ausstellungsraum im Neubau, was im kommenden Mai zu erwarten ist.

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Tonnenschwer schweben. Der Sprengel-Anbau des Architekten Markus Peter.
Tonnenschwer schweben. Der Sprengel-Anbau des Architekten Markus Peter.Foto: G. Aerni

Hannover ist wahrlich reich an grauen Klötzen. Betonarchitektur prägt die Innenstadt, von deren historischen Gebäuden nach den Zerstörungen des Krieges nur noch wenig stand. Kein Wunder also, dass die Hannoveraner als Erweiterungsbau für ihr Sprengelmuseum keinen weiteren Betonklotz wollten. „Maschsee-Brikett“ gehörte noch zu den freundlicheren Bezeichnungen, die während der Entstehung für den Annex des Museums gefunden wurden, der sich 75 Meter lang am östlichen Ufer des innerstädtischen Gewässers erstreckt.

Dabei trifft es die spöttische Bezeichnung recht gut: Die Proportionen des Quader und die dunkle Tönung des Materials stimmen durchaus mit dem Heizstoff überein. Museumsdirektor Reinhard Spieler, seit anderthalb Jahren im Amt und damit Erbe der Baupläne seines Vorgängers, hat sich mittlerweile in die allgemeine Meinung ergeben und geht die Sache offensiv an. Das Sprengelmuseum „brennt für die Kunst“, prangt deshalb augenzwinkernd auf den Plakaten in der Stadt. Dem dürften nun selbst Kritiker des rationalistischen Bauwerks, das der Schweizer Architekt Markus Peter entworfen hat, zustimmen.

Und siehe da, ein Stimmungsumschwung zeichnet sich ab. Der 35,7 Millionen Euro teure Anbau findet zunehmend Freunde, zumal er nun zugänglich ist. Noch ist es ein Probelauf, richtig ernst wird es erst im kommenden Mai, wenn das gesamte Haus umgehängt wird und die klassische Moderne in den Anbau einzieht. Die fragilen Gemälde dürfen erst hinein, wenn das Raumklima stimmt, das Gemäuer komplett durchgetrocknet ist.

Der erste Titel: ein Understatement

In den noch nach Farbe riechenden Sälen gehört deshalb die Premiere der robusteren zeitgenössischen Produktion: Skulpturen, Installationen, Arrangements, die wie Appetizer wirken. Fast schüchtern wächst eine handgeschnitzte Rose von Yoshihiro Suda aus der Wand. Die Werber verwursteten das Pflänzchen gleich mit. Das Sprengelmuseum „blüht für die Kunst“, heißt es außerdem auf den zur Eröffnung plakatierten Postern. „Zehn Räume, drei Loggien und ein Saal“, lautet geradezu nüchtern dagegen der Titel der allerersten Schau, fast ein Understatement. Andernorts – wie beim Neuen Museum in Berlin oder dem Maxxi in Rom – wird die kritische Phase, in der Restauratoren noch ihr Veto einlegen, durch Performances und Tanztheater etwa von Sasha Waltz überbrückt, um die Räume selbst wirken zu lassen. Hannover aber macht gleich Ernst und gewinnt.

Die minimal aus der Rechtwinkligkeit verschobenen Säle erscheinen beinahe beschwingt. Von oben bieten sie die perfekte Beleuchtung, je nach Wunsch eine Mischung aus Kunst- und Tageslicht. Direktor Spieler gerät ins Schwärmen. Ein Schatzhaus hat er bekommen, das der Kunst den besten Rahmen bietet, nichts lenkt ab. Der anthrazitfarbene Quader wird zum Safe, der sich äußerlich allerdings nicht als tonnenschwer erweist, sondern schwebend. Er ruht auf einem gläsernen Sockel. Die Bäume am Ufer des Maschsees überragt er kaum. Die Fassade, in der sich der Himmel spiegelt, besteht aus vor- und zurückspringenden Feldern, zwei Loggien zeigen zum Wasser. Von dort hat der Besucher beste Sicht auf das in den Dreißigern von Zwangsarbeitern ausgehobene gewaltige Bassin.

Aufschluss zu den großen Museen des Landes

Figuren von Arno Breker am Rand erinnern an das dunkle Kapitel, zu dem sich das Sprengel-Museum als lichte Gegenposition versteht. Der Hannoveraner Schokoladenfabrikant Bernhard Sprengel und seine Frau Margit besuchten auf ihrer Hochzeitsreise 1937 in München die Ausstellung „Entartete Kunst“. Anders als von den Machern intendiert war das Paar von den Werken fasziniert und begann fortan klassische Moderne zu sammeln. Unter anderem kaufte er bei Hildebrand Gurlitt ein, der ihm Werke von Emil Nolde besorgte. 1969 schenkte Sprengel anlässlich seines 70. Geburtstages die komplette Sammlung der Stadt und gab das Geld zum Bau eines Museums, das seinen Namen trägt.

Die große Ausstellung im kommenden Jahr wird den sinnigen Titel „130 Prozent Sprengel“ tragen, in Anspielung auf den Kakaogehalt in Schokolade und als Verweis auf die dreißigprozentige Steigerung der Ausstellungsfläche auf 1400 Quadratmeter. Das Museum hat nicht nur neue Säle hinzugewonnen, sondern auch Werkstätten, Büros und Depots für Fotografie, die neben Medienkunst in den letzten Jahren den neuen Schwerpunkt in der Sammlung bildeten. Das Sprengel-Museum schließt mit dem Annex wieder auf zu den großen Museen des Landes. Der Einstand ist gemacht. Ceal Floyers, die einen der zehn Säle bespielt, gibt mit ihrer musikalischen Treppe die Richtung vor: jede Stufe ein Ton, der nach oben führt. Mit dieser Arbeit gewann sie vor acht Jahren in Berlin den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst. Der Sound stimmt schon einmal.

Hannover, Sprengel-Museum, bis 10. 1.

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