Kultur : Anderes Deutschland

KATRIN HILLGRUBER

Ein Film über die Deutsche Akademie im ExilVON KATRIN HILLGRUBERSchreibmaschinengeklapper war im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu hören, der Refrain eines Schlagers, klirrendes Glas, schließlich die Stimme von Joseph Goebbels: "Wir sind eigentlich das auserkorene Musikvolk der Welt." Lutz Glandiens Klangcollage "1933 - Gehen oder Bleiben" führte akustisch ins Zentrum eines denkwürdigen Abends, dem man unbedingt mehr Publikum gewünscht hätte.In Vergessenheit geratene Kompositionen der zwanziger Jahre wie Erich W.Korngolds "Geschichten von Strauss", gespielt von der Orchesterakademie des Berliner Philharmonischen Orchesters, setzten einen Kontrapunkt zur apodiktisch wirkenden Klangcollage.Helga Prinzessin zu Löwenstein und Volkmar Zühlsdorff, beide weit in den Achtzigern, waren angereist, um einen Fernsehfilm der Deutschen Welle über ihrer beider Lebenswerk vorzustellen: die Deutsche Akademie der Künste und Wissenschaften im Exil.Hubertus Prinz zu Löwenstein, der verstorbene Mann der Prinzessin, war im Berlin der frühen dreißiger Jahre im republikanisch-demokratischen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold engagiert und gemeinhin als der "rote Prinz" bekannt.Er gründete die Akademie 1936 in New York.Volkmar Zühlsdorff war ihr Geschäftsführer, als Präsidenten setzten sich Thomas Mann und Sigmund Freud für die gemeinsame Sache ein.Am 30.April 1933 waren Zühlsdorff und das Prinzenpaar auf eine vertrauliche Warnung hin nach Tirol geflüchtet.Nie hätten sie am guten Ausgang ihres Unternehmens gezweifelt, sagte die Prinzessin.Die menschlichen Komponenten Abenteuerlust - Zühlsdorff betrat nur mit Pistole die von NS-Sympathisanten durchsetzte Innsbruêker Universität - und hohe moralische Grundsätze verbanden sich vortrefflich zu einem Unternehmen des deutschen Widerstands, das nicht nur nach Meinung von DW-Intendant Dieter Weirich zu Unrecht kaum mehr bekannt ist.Die Akademie repräsentierte das "Andere Deutschland", sie versuchte, im Exil das Bewußtsein von Deutschland als einer der ältesten Kulturnationen Europas wach zu halten."Wir konnten frei zur Welt sprechen, auch für den Widerstand und die innere Emigration", benannte Zühlsdorff die historische Aufgabe der Oganisation.Büros in Wien, Paris und zuletzt London wurden unterhalten.Von New York aus gelang es durch das angeschlossene "American Rescue Committee", bis 1942 etwa 2000 Intellektuelle aus Frankreich in die USA zu schleusen."Es ist unsere Akademie, es ist die geistige Grundlage dieser Republik" sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, mit Blick auf die Mitgliederliste von A wie Hannah Ahrendt bis Z wie Stefan Zweig.Dadurch, daß amerikanische Politiker wie der Gouverneur Wilbur L.Cross als Förderer gewonnen werden konnten, erlangte die Akademie nachhaltig Einfluß auf das geistige Klima in den kriegführenden USA.So konnte sie sich erfolgreich gegen den Morgenthau-Plan einsetzen und frühzeitig auf den demokratischen Neuanfang in Deutschland hinwirken. Der Film "Zeitzeugenberichte: Deutsche Akademie im Exil - Intellektuelle gegen Hitler" soll noch in diesen Sommer im SFB-Fernsehen ausgestrahlt werden.

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