Kultur : Andersons Mammutfilm entdeckt im Amerika von heute die Hölle auf Erden

Christina Tilmann

Siegerfilm der Berlinale läuft ab Donnerstag in vierzehn Berliner KinosChristina Tilmann

"Das Buch sagt:..." lautet der epische, biblische Grundton, auf den wir von Beginn an durch den Off-Erzähler eingestimmt werden. Das Buch sagt, dass wir vielleicht mit der Vergangenheit abgeschlossen haben, die Vergangenheit aber noch nicht mit uns. Das Buch sagt auch, dass die Sünden der Väter auf die Kinder kommen. Und mit der Wucht eines biblischen Gottes fährt Paul Thomas Anderson in "Magnolia" herab auf das Amerika von heute und richtet es - als Hölle auf Erden, als Ort der verlorenen Seelen. Eine Welt ohne Gnade.

Neun Erzählstränge, neun Schicksale wirbelt der 30-jährige amerikanische Filmregisseur dazu in der Manier von Robert Altmans "Short-Cuts" durcheinander. Short Cuts, long shots: So rasend schnell, so sicher und so ausdauernd dreht sich Robert Elswits Kamera um sich selbst und wir mit ihr, dass sich erst gegen Mitte des Films der visuelle Schwindel legt, dass sich Zusammenhänge erkennen lassen. Und ein Gefühl von Achterbahn, von Übelkeit bleibt doch zurück. Allein schon für diese formale Virtuosität war der Goldene Bär verdient, mit dem "Magnolia" bei der 50. Berlinale als bester Film ausgezeichnet wurde. Anderson aber, der vor drei Jahren mit "Boogie Nights" die amerikanische Sex-Industrie vernichtend richtete, will diesmal die Mediengesellschaft von heute an ewigen Gesetzen messen, Moral behaupten in der unmoralischsten aller möglichen Welten und doch ein Hohelied der Liebe singen. 189 Minuten? Nicht zu lang dafür.

Die Diagnose ist hoffnungslos: Amerikas Gesellschaft hat Krebs, sagt uns der Film. Und an Krebs sterben sie alle, die Macher, die Erfolgreichen. Also liegt der Fernsehproduzent Earl Partridge (Jason Robards) in seiner Luxusvilla im Bett, an der Seite seine hilflose, hysterische zweite Frau und ein junger, unbedarfter Pfleger. Seinen Sohn, den er einst im Stich ließ und nie mehr sah, ihn ruft er nun im Morphiumfieber zurück und erreicht ihn nicht. Krebskrank steht auch der zynische Talkshowmaster Jimmy Gator (Philip Baker Hall) am Bett seiner schlafenden Tochter: der Tochter, die vor zehn Jahren das Haus verließ, die ihn hasst seitdem und sich flüchtet in die Welt der Drogen. Zwei verlorene Väter mit ihren verlorenen Kindern, hilflose Erfolgsmenschen an der Schwelle zum Tod.

Die Väter sind schuld am Elend ihrer Kinder, und dass diese Welt am Ende in einer grandiosen apokalyptischen Vision zurückschlägt, fällt auf die Vätertäter zurück. Es fällt auf sie zurück, weil sie den Rahmen gesetzt haben für das Bild dieser Welt, weil sie in ihren Medienberufen Ausbeutung, Ehrgeiz und Macht unlösbar verquickt haben. Ständig läuft in diesem Film der Fernseher, ständig sind die Medien präsent, wird Leben vor der Kamera generiert, variiert, produziert, weil das wirkliche Leben schon lange im falschen spielt.

Das zu verurteilen, braucht es kaum eines in die Jahre gekommenen Wunderkinds (William H. Macy), das sich kärglich vom ehemaligen Ruhm nährt und für das wirkliche Leben untauglich ist. Der Nachfolger steht schon in den Startlöchern, Stanley, das Superhirn, vom ehrgeizigen Vater von einer Show zur nächsten gejagt: Man braucht dem elfjährigen Jeremy Blackman nur einmal ins Gesicht zu sehen, in dieses blasse, müde, gequälte Gesicht, um Andersons Medienhass zu verstehen. Es gibt keine Erlösung im Showbusiness. Wenn es um Medien geht, kennt Anderson keine Gnade.

Erlösung gibt es nur im Glauben und in der Wahrheit - und diese nicht in einer Welt der Lüge. Jim Kurring (John C. Reilly) ist so eine Erlöserfigur: ein unbedeutender, schüchterner Polizist, der nachts in seinem kahlen Zimmer vor dem Kruzifix kniet, der sich auf einer Mission befindet zur Rettung der Elenden und Verlorenen. Dass er mit Gators unglücklicher Tochter Claudia (Melora Walters) tatsächlich jemanden retten kann, durch sein Mitleid und am Ende Liebe, ist fast zu schön, um wahr zu sein. Erbarmen ist auch das Motiv, das den Pfleger Phil Parma (Philip Seymour Hoffman) antreibt bei seiner Mission, den verlorenen Sohn nach Hause zu holen und Vater und Sohn am Krankenbett zusammenzuführen.

Interessanter aber sind die Verlorenen: Julianne Moore, als Partridges Ehefrau Linda Oscar-nominiert, auf ihrem langen Weg durch die Nacht, von einem Arzt, einer Apotheke zur nächsten, immer auf der Suche nach Betäubung und Betäubungsmitteln, gehetzt, getrieben vom schlechten Gewissen, das sie sich selbst schafft, um sich zu quälen. Hysterisch spielt sie das, kalt, maßlos und verzweifelt, und wenn das Elend endlich aus ihr herausbricht, ist das eine Szene, die statt sentimentalischem Mitleid das Gruseln lehrt. Dass sie Partridge aus Geldgier geheiratet, dass sie ihn betrogen und belogen hat und nun erst, zu spät, den Sterbenden zu lieben beginnt - was heißt das schon, wo alle lügen und betrügen?

Verlorener, verlogener ist nur noch Frank T. J. Mackey, Partridges Sohn aus erster Ehe: Tom Cruise ist der schmierige, zornige junge Wilde, der fetten, unglücklichen Männern Sex-Coaching erteilt, der sie lehrt, die Frauen zu verachten - um am Ende so zu werden wie der Vater, den er hasst? Erstaunlich gut macht er das, der maskenhafte Schönling, der voller Elan den Macho mimt und sofort zusammenbricht, als eine Journalistin zu ausgiebig nachfragt, nach dem Vater, nach der Mutter. Später dann, am Bett des sterbenden Vaters, kommt Cruise doch an seine Grenzen, bricht doch noch alles Verlogene, Geschauspielerte auf, die gepressten Tränen, die gestammelten Anklagen, so viel Falschheit.

Wie aber gerät dieser junge, desillusionierte Regisseur, der so gerne glauben und retten will und die Unrettbarkeit doch schon längst so überzeugend gezeichnet hat, aus seinem eigenen Dilemma? Es ist der Deus ex machina, zu dem Anderson als Lösung Zuflucht nimmt, das Donnern, das den Himmel öffnet und in einer grandiosen, apokalyptischen Schluss-Szenerie den Film noch einmal emporhebt auf die Ebene der Wunder. Der Wunder auch des Kinos.Ab Donnerstag in 14 Berliner Kinos

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