Kultur : André Kostolany erklärt den Neulingen die Börse - sein Vermächtnis

Patrick Welter

Wer André Kostolany richtig böse will, der nennt ihn einen selbstgewissen Schwätzer. Doch über Tote nichts Schlimmes, und so mutiert der 1999 gestorbene Ungar erst recht in der Rückschau zum Kolumnisten des ironischen Apercu, zum geistreichen Alter ego der Börsenwelt, zum hintersinnigen Analytiker des Anlagekults.

All das trifft zu. Und doch enttäuscht das letzte Buch des André Kostolany ein wenig selbst den Leser, der sich von den Weisheiten des Ungarn bisher fern gehalten hat. Deutlich spürt auch er, dass der Altmeister in seinem Vermächtnis nicht mehr viel Neues zu bieten hat, dass schon in der Schrift selbst die Wiederholungen gelungener Bonmots sich häufen. Wer Kostolanys Kolumnen oder frühere Bücher gelesen hat, den werden die 40 Mark möglicherweise reuen. Ist es Ironie, wenn der Spekulant sich in dem Buch selbst freudig überrascht gibt, dass Menschen bereit sind, für seine Anmerkungen Geld auszugeben?

Kaufe, wenn die anderen verkaufen

Die Qualität der Erkenntnis ist dadurch freilich nicht getroffen, der nüchtern-wägende Blick André Kostolanys auf die Exaltiertheiten vor den Bildschirmen oder auf dem Parkett, auf die in guten wie in schlechten Zeiten überzogenen Aufgeregtheiten an der Börse ist einfach und überzeugend zugleich, den vielen Börsenneulingen zur Lektüre empfohlen.

In kaum wahrnehmbarer Form eines Lehrbuchs erklärt der Ungar die Welt der Börse, der Arbitrage und des Optionshandels, der Devisentermingeschäfte und der Hedge Fonds, der ewigen Wiederkehr von Hausse und Baisse, von Boom und Krise. Konkrete Anlagetipps darf man dabei nicht erwarten, Kostolany beschränkt sich auf Allgemeines und gibt Ratschläge, die inzwischen in jeder Einführung zum Thema zu finden sind: Kaufe antizyklisch, wenn die Zittrigen verkaufen. Sei hart und zäh, wenn Du überzeugt bist. Oder, noch simpler, habe Ideen und handle mit Überlegung.

Von Kostolany niedergeschrieben, mutieren solche Allgemeinplätze zu tiefen Weisheiten, Erklärungen geraten ihm zu mehr als reinen Beschreibungen. In väterlichem Ton warnt er nicht nur den Kleinanleger vor der Sucht nach Informationen und heißen Tipps, die nur von einer ruhig geplanten Geldanlage ablenken. Er schimpft über die Makler, die nichts anderes im Sinn hätten, als an den Provisionen für Geschäfte zu profitieren. Er verteufelt die Börsenspieler als "Parasiten" des Aktienhandels. Er wettert über die "Golden Boys", die seit den 80er Jahren die Börse zu einem Kasino werden ließen. Und er benennt die Börsengurus als das, was sie sind, Scharlatane.

Das ist entlarvend und ernüchternd zugleich und ist eingebettet in eine Fülle historischer Begebenheiten, die der 1906 geborene Kostolany oft genug hautnah miterlebt hat. Da geht es vom Börsenkrächle 1987 zum echten Crash 1929 und zurück zum Neuen Markt, den Kostolany als "Spielhölle mit gezinkten Karten" beschreibt.

Im Reigen der Geschichte darf auch die große Politik nicht fehlen. Geld und Psychologie treiben die Börse, und so wundert es nicht, dass Kostolany der leichten Geldentwertung zuneigt, den inflationsdämmenden Goldstandard verurteilt, die harte Politik der Deutschen Bundesbank und die Stabilitätskur des Maastricht-Vertrags als wachstumshemmend geißelt. Der Europäischen Zentralbank wünscht der Erfolgsautor, sie möge ein wenig lockerer als die Bundesbank die Wirtschaft mit Geld beflügeln.

Allein in diesen Kommentaren zur Wirtschaftspolitik mag man dem Börsenmeister nicht zustimmen. Vorausahnend wohl schreibt Kostolany den Volkswirten die Eigenschaft zu, rechnen, aber nicht denken zu können: "33 Professoren, o schöne Welt, du bist verloren."

Geld, Glück und Zeit

Selbst die so Getadelten können sich jedoch an der Menschenkenntnis erfreuen, die den altersweisen Kostolany auszeichnet. Neid weiß der Ungar bei Otto Normalbürger über die Gewinne der Spekulanten, Neid aber vor allem über den Lebensstil, den die erfolgreiche Spekulation erlaubt und voraussetzt - ein bewusster Verzicht auf das Hinterhecheln nach der letzten Neuigkeit, eine Abkehr von der überflüssigen Hektik an der Börse, ein ruhiger Lebenswandel, der hinreichend Mußestunden zum Nachdenken lässt.

Der erfolgreiche Spekulant brauche Glück, dass seine Pläne aufgingen. Er brauche Geld, damit er bei Kursstürzen Geduld entwickeln könne. Vor allem aber brauche er Zeit zum Denken, "eingehüllt in den Rauch einer Zigarre, bequem in seinem Schaukelstuhl sitzend, fern von der Welt und ihrem Lärm". Dort muss er sinnierend herausfinden, was die Mehrheit der Börsianer nicht weiß. Ein guter Rat des Altmeisters der Börse und nutzlos zugleich, kann er doch die Klugheit nicht herbeizaubern, die den Spekulanten erst zum erfolgreichen Anleger werden lässt. So schreibt Kostolany letztlich allein über seine eigene Gewitzheit, auf liebenswerte Weise, nicht ganz ohne Selbstverliebtheit.

Gerade das macht das Buch trotz der ermüdenden Wiederholungen lesenswert. Den Käufer erwarten zwar keine neuen Einsichten in die Börsenwelt, ihn erwartet dafür aber der Charme einer vergangenen Zeit, den der Grandseigneur alter Schule ausstrahlt. Die Schrift ist gespickt mit persönlichen Reminiszensen an Jahrzehnte des Börsenhandels.

Das Leben ist nicht Geld allein

Kostolany schreibt, nein plaudert über alte Freunde, er schildert eine verschworene Gesellschaft in Wiener Kaffeehäusern oder Pariser Cafés, die, angezogen vom Reiz der Spekulation, über Kurswerte und über Anlage-Chancen philosophiert, über die Lust guter Freunde am Risiko und über die politischen Weltläufe, über gute Weine und schöne Frauen.

Das ist nicht die Welt der Schönen und Superreichen, und erst recht nicht die Welt heutiger Börsenjunkies, das ist eine vergangene, untergegangene Welt genussreicher Spekulanten im besten Sinne des Wortes, die vor allem eines gelernt haben: Das Leben besteht nicht aus Geld allein. "Die Papiere gehen zurück? Soll ich mich aufregen? Ich war drei Jahre in Auschwitz...", sagt der routinierte Börsenfuchs Eugène Weintraub. Und André Kostolany zitiert den Dichter Horaz: Glücklich, wer weit vom Geschäft lebt. Wer das verinnerlicht, der kann dem nächsten Börsencrash gelassen entgegen sehen - und ihn abgeklärt als Chance begreifen.André Kostolany: Die Kunst über Geld nachzudenken. Verlag Econ, München 2000. 237 Seiten. 39,90 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben