Andrea Breth inszeniert ianaceks „Katja Kabanova“ : Frauenliebe, Frauenleben

Konsequent: Andrea Breth inszeniert in Brüssel Janaceks „Katja Kabanova“

Jörg Königsdorf
Schwarze Nixe. Evelyn Herlitzius als Katia am Opernhaus La Monnaie. Foto: Bernd Uhlig
Schwarze Nixe. Evelyn Herlitzius als Katia am Opernhaus La Monnaie. Foto: Bernd Uhlig

Vielleicht ist das der Traum aller Regisseure: für ein Stück genau das eine zeichenhafte Requisit zu finden, an dem man die Handlung eines ganzen Abends mitsamt der eigenen Interpretation aufhängen kann, das auf Anhieb ein Gefühl für die Situation der Figuren schafft und an ihnen klebt wie ein Schatten. In Michael Thalheimers Inszenierung von Janaceks „Katja Kabanova“ an der Staatsoper war das ein Stuhl. Die vergeblichen Versuche der Titelheldin, sich aus den Zwängen ihrer tristen Kaufmannsfrauenexistenz in der russischen Provinz zu befreien, hatte Thalheimer zum Bild einer Frau verknappt, die nicht auf eigenen Beinen stehen kann. Ein Geniestreich, auch weil durch den szenischen Minimalismus klar wurde, dass die Musik Janaceks nicht illustriert, sondern die Seelenzustände Katjas beschreibt.

Auch Andrea Breth hat sich für ihre Inszenierung dieser Oper einen suggestiven Gegenstand gesucht: Eine alte Badewanne steht auf der Bühne von Brüssels La Monnaie. Eine Wahl, die schon im ersten Akt einleuchtet, wenn die einsame Frau beim Gespräch mit ihrer Freundin Varvara ihre heimliche Liebe zum Studenten Boris offenbart. Wenn Katja sich in der Wanne rekelt, ist die ganze Figur da: die erzwungene Untätigkeit unter dem Kuratel der unbarmherzigen Schwiegermutter, die Sehnsucht nach Wärme, die vorderhand nur durch heißes Wasser befriedigt wird. Und noch mehr verrät die Wanne: Katjas Selbstmord, bei Janacek geht sie ins Wasser. Bei Andrea Breth knapp anderthalb Opernstunden später wählt sie den Freitod im Zinkzuber.

Die Vergegenwärtigung des traurigen Endes ist bei Breth natürlich Absicht. Die gefeierte Schauspielregisseurin, die sich in den letzten Jahren langsam der Oper angenähert hat (zuletzt „Eugen Onegin“ in Salzburg, demnächst „Wozzeck“ an der Berliner Staatsoper), erzählt diese Oper von Anfang an aus der Perspektive vollkommener Hoffnungslosigkeit: Das Bühnenbild von Annette Murschetz sieht ungefähr so aus wie ein zerbombtes Sarajewo, und kaputt sind hier nicht nur die Lebensträume, sondern auch die Beziehungen der Menschen untereinander. Selbst die Hoffnungsträger, denen Janacek im Gegensatz zur Titelheldin die Kraft gibt, dieser drückenden Enge zu entfliehen, wirken bei Breth seltsam schal: Die junge Varvara (Natascha Petrinsky) und ihr Schwarm, der Lehrer Kudrjas (Gordon Gietz), sind ein recht tumbes Pärchen, das vorrangig an der Befriedigung sexueller Grundbedürfnisse interessiert ist. Und auch Katjas geliebter Boris (Kurt Streit) bleibt letztlich nur ein nahezu beliebiger Katalysator für ihre Verzweiflung am Leben – dieser Frau ist auf Erden einfach nicht zu helfen.

Das wird mit genauem Blick auch auf die unbedeutenderen Gestalten dieser kleinen Welt erzählt. Nur macht es Janaceks schwache Heldin nicht unbedingt mitleidstauglicher, wenn man ihr nicht wenigstens die Vision eines besseren Lebens beschert: im zentralen Gartenbild des zweiten Aktes etwa, wo sich die beiden Paare treffen und der junge Leo Hussain am Pult des La-Monnaie-Orchesters dafür sorgt, dass mit der blühenden Natur fast eine Ahnung von Glück durch die Musik weht. Dass Breth auch hier nur Ödnis der Gefühle und fahles Licht zeigt, ist schade. Doch der mildere Blick Janaceks auf das Leben als ewigen Kreislauf interessiert sie nicht sonderlich – dass Katja sich am Ende in die Wolga stürzt, meint ja nur, dass sie sich diesem Prozess des Werdens und Vergehens anheimgibt. In einer Badewanne ist das freilich nicht zu machen.

Allerdings wäre Evelyn Herlitzius auch nicht die Sängerin, die für eine zarter besaitete Katja infrage käme. Bayreuths Ortrud hat ihren hochdramatischen Sopran für dieses unerwartete Rollendebüt zwar gut gezügelt, ihre metallisch abweisenden Töne zeichnen gleichwohl eher eine Frau, deren Lebensunfähigkeit nicht in ihrer Schwäche, sondern in ihrer Verhärtung begründet ist. Kein Opfer im engeren Sinne ist diese Katja, sondern eher ein Mensch, der sich langsam darüber klar wird, dass er im Grunde mit dem Leben abgeschlossen hat. Tatsächlich ist Katjas Selbstmord bei Breth nur die logische Folge eines Desillusionierungsprozesses. Und arm dran sind diejenigen, die weiterleben müssen.

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