• Andreas Neumeister im Gespräch: Ist Pop mittlerweile zu brav geworden, Herr Neumeister?

Kultur : Andreas Neumeister im Gespräch: Ist Pop mittlerweile zu brav geworden, Herr Neumeister?

Der Begriff Popliteratur umspannt heute fast alles

Andreas Neumeister, geb. 1959 in Starnberg/Oberbayern, lebt in München. Sein Debüt "Äpfel vom Baum im Kies" erschien 1988 (wie auch sämtliche weitere Bücher im Suhrkamp-Verlag). Es folgten "Salz im Blut" (1990), "Ausdeutschen" (als Reaktion auf die deutsche Einheit 1994) und zuletzt "Gut laut" (1998). "Gut laut" gilt mittlerweile als eine der Hauptschriften der neueren deutsche Pop-Literatur und wurde bereits durch die Herausgabe der Anthologie "Poetry Slam" (1996) vorbereitet. Neumeister beschäftigte sich in den neunziger Jahren immer intensiver mit seiner Sozialisation durch die Münchner Pop-Szene der siebziger Jahre, als die bayerische Landeshauptstadt sich ihre sehr spezielle Spielart einer deutschen Pop-Metropole erarbeitete (erinnert sei nur an Giorgio Moroder, Boney M. oder Amanda Lear). "Gut laut" nutzt vor allem die rhythmischen und klanglichen Möglichkeiten der Sprache, bis hin zu leitmotivischen Wiederholungen ("Was ist eigentlich aus Frank Fahrian geworden?"), und der Titel eines Ausstellungstextes für die Villa Massimo in Rom 1999 ist in nuce Neumeisters Programm: "in dubio pro disco".

Der Begriff Popliteratur umspannt heute fast alles - von Judith Hermann über Benjamin von Stuckrad-Barre bis zu Feridun Zaimoglu. Wie sehen Sie sich in diesem Kontext?

Mit dem Spektrum Stuckrad-Barre bis Zaimoglu (auch wenn sich Zaimoglu gerne von dem Begriff Pop-Literatur distanziert) habe ich kein Problem. Mein Popbegriff ist nicht enger als unbedingt nötig. Meine eigene Position: Eher Sound-Experiment als klassisches Song-Writing. Eher Dekonstruktion als Konstruktion. So wenig Fiktion wie möglich. Vieles, was im Moment als Popliteratur verkauft wird, ist mir formal viel zu brav.

Bei Ihnen erscheint Pop und Popmusik als eine Art Erlösung aus dem vergangenen "Katastrophenjahrhundert". Pop als der große Retter?

Erlösung im Sinn eines Aufatmens. Nicht im religiösen Sinn. Eine Welt ohne Pop stelle ich mir langweilig und extrem unsexy vor. Auch wenn die Feuilletons ständig das Gegenteil behaupten: Pop in seinem Kern ist emanzipatorisch-antitotalitär. Im Pop-Zeitalter wäre Hitler nicht möglich gewesen. Für die Sechziger und Siebziger: Pop als Erretter aus dem McCarthy-Adenauer-Kosmos.

Der erste Kassettenrecorder und vor allem die Leerkassette sind bei Ihnen zentrale Motive; das Abspielen alter Kassetten wird zur archäologischen Arbeit. Ist das ausgefeilte Bespielen der Leerkassette eine Art Initiation des künstlerischen Tuns?

Arbeit? So würde ich es nicht nennen. Als Jugendlichem ist einem das Kunstding natürlich erstmal herzlich egal. Und trotzdem beginnt man sich damit auseinanderzusetzen. So muss es sein. Die Leerkassette als unbeschriebenes Blatt, das eine Entscheidung erfordert. Welche Platten nehme ich darauf auf, welche Alben passen zusammen? Nehme ich komplette Radiosendungen auf oder nur bestimmte Stücke? Akzeptiere ich eine vorgegebene Auswahl, oder versuche ich sie in meinem Sinn zu manipulieren?

Ist es möglich, einen ganz bestimmten Wirklichkeitszugang, der über Musik stattfindet, in Literatur zu übersetzen?

Eine bestimmte von Pop-Musik transportierte Weltsicht inhaltlich auf Literatur zu übertragen, ist im Moment nicht das Problem. Das leisten auch formal konventionelle Romane wie Hornbys "High Fidelity". Was mich vielmehr interessiert, ist formale Prinzipien (wie Montage, Wiederholung, Zitat) der aktuellen Musikproduktion auf Literatur zu übertragen. Das geht nicht eins zu eins. Literatur tut sich da schwerer. Was hier geht und was nicht, versuche ich gerade in mehreren Versuchsanordnungen durchzuspielen. Was bei Tanzmusik funktioniert, Endlosschleifen mit minimalen Variationen, funktioniert in der Literatur nur auf kürzeren Distanzen.

Von welcher Literatur Sind Sie beeinflusst?

Literatur, die mich interessiert, war von Anfang an sehr material- und sprachbewusste Literatur, um ein paar deutschsprachige Autoren zu nennen, etwa Bernward Vesper, Hubert Fichte, Brinkmann, Nettelbeck, aber auch Mayröcker und Kling. Literatur, die mehr auf Sprache setzt, als auf lineare Handlung.

Müssen Ihre Leser die verschiedenen Sphären kennen, aus denen Sie sich bedienen - also bestimmte Formen von Popmusik, Fernsehen, Werbung?

Eine vage Ahnung von den Sphären, um die es in meinen letzten Büchern geht, hat wohl heute jeder, und ich denke, das reicht. Es geht nicht darum, jeden einzelnen Musikernamen zu kennen. Elke Erb hat mein letztes Buch "Gut laut" gelesen, kannte kaum einen der angeführten Künstler und behauptet, trotzdem ihren Spaß gehabt zu haben. Es sind nur die Pop-Streber, die darunter leiden, irgend eine erwähnte Maxi nicht zu kennen. Vielleicht erhöht es das Lesevergnügen, Bescheid zu wissen, aber es ist bestimmt nicht Bedingung.

Sie schreiben Ihre Texte immer weiter fort und um. Gibt es für Sie einen abgeschlossenen Text?

Nein, meine Texte sind immer in verschiedene thematische Dateien unterteilt, die auch nach Abschluss eines Buches weiter ausgebaut werden und sich eventuell dann auch eher zu einem anderen, schon veröffentlichten Text hin verschieben können. Ich mag es gar nicht, in größerem zeitlichen Abstand zweimal den gleichen Text veröffentlichen zu müssen, weil ich dann meistens mit dem ganzen Komplex schon weiter bin. Es gibt also für mich keinen abgeschlossenen Text. Es gibt nur abgelegte Texte. An den meisten Texten arbeite ich kontinuierlich weiter. Insofern wird auch "Gut laut" in der Taschenbuchausgabe gründlich weitergestrickt sein.

Hat dieses prozesshafte Arbeiten etwas mit dem performativen Gestus zu tun, der in den Texten steckt: Wenn Sie sie lesen, spürt man ja tatsächlich einen einzigartigen Sound, der das Semantische zuweilen überdeckt.

Nicht alle Passagen meiner Bücher eignen sich gleich gut zum Vorlesen, deshalb baue ich die Texte allein schon zu diesem Zweck ständig um. Aber normalerweise nicht gegen die Semantik. Es kommt eher zu Verdichtungen.

Welche Bedeutung hat für Sie die Zusammenarbeit mit Musikern, etwa mit Robert und Ronald Lippok von To Rococo Rot?

In der Zusammenarbeit mit Musikern kann ich überprüfen, inwieweit ich Sprache entwickeln kann, die ähnlich wie Musik funktioniert, ohne auf Inhalte verzichten zu müssen. Ronald und Robert Lippok kommen mir da sehr entgegen, weil sie im Gegensatz zu den meisten anderen Produzenten elektronischer Musik keinerlei Vorbehalte gegen die Verwendung von Sprache haben. Ich schätze sehr, was sie machen. Und elektronische Musik ist nun mal die Musik, die mich formal am meisten interessiert.

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