Andrei Tarkowski : Bilder, die vom Leben träumen

Wiederbegegnung mit einem Erneuerer des Weltkinos: das Berliner Kino Arsenal zeigt alle Filme von Andrei Tarkowski.

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Letzte Tage. Szene aus der Science-Fiction-Parabel „Stalker“ (1979). Foto: Arsenal
Letzte Tage. Szene aus der Science-Fiction-Parabel „Stalker“ (1979). Foto: Arsenal

Man stelle sich vor, auf der Straße begegnete man dem fesselnden Blick eines Menschen. Wie ließe sich die Magie, auch das Unheimliche dieses Moments in einer Filmszene festhalten? Der russische Regisseur Andrei Tarkowski war sich sicher, dass die realistische Schilderung des Vorgangs, die bloß äußere Logik seiner zeitlichen und räumlichen Abfolge nichts weiter als banal und nichtssagend sei. Viel wahrhaftiger der Versuch, den Reichtum des inneren Erlebens in ein komplexes Bild- und Tongewebe zu fassen.

Das Kino – so Tarkowskis Überzeugung – ist die angemessene Erfindung, hypnotisch fließende Bilderzählungen vom sprudelnden Quell der Sinneseindrücke und Assoziationen zu schaffen. Nur so, vom hochsensiblen Ich des Filmkünstlers an die Hand genommen, sei das Publikum in die Lage versetzt, im Kino eigene Fantasiekraft zu entwickeln.

Das Berliner Kino Arsenal erinnert in einer schon zwanzig Jahre währenden Tradition auch in diesem Sommer an den radikalen Erneuerer und Außenseiter Andrei Tarkowski. Es zeigt die acht Spielfilme seines Gesamtwerks, das Zeit seines Lebens von kulturbürokratischen Querelen und erzwungenen Schaffenspausen überschattet wurde und mit Tarkowskis frühem Tod in Paris 1986 endete.

Sein Zweifel am Kino à la Sergej Eisenstein, erst recht seine Abkehr vom sozialistischen Realismus sowjetischer Prägung machten dem jungen Tarkowski in den sechziger Jahren das Leben schwer. Seine Filme handeln von Künstlern, Wissenschaftlern, Kindern, hochsensibel introvertierten Individuen, die immer auch als Alter Ego des Regisseurs fungieren. Die Handlung ist jedoch in keinem seiner Filme im engen Sinne bedeutsam, vielmehr vermitteln gedehnte Kamerafahrten, entleerte Innenräume, Blicke auf Dinge des Alltags, an denen sich Erinnerungen kristallisieren, von Wasser überströmte Räume und Landschaften ein traumartiges Gewebe, in dem sich Zeiterfahrungen auflösen. Tarkowskis Filme sind intensive Erkundungen der Gegenwart des Vergangenen. Ingmar Bergman nannte Tarkowski einen der größten Regisseure, weil er das Leben als Traum im Kino wahrgemacht habe.

„Iwans Kindheit“ schildert die letzten Tage eines verwaisten Zwölfjährigen, der sich im Kampf gegen Hitler der russischen Armee anschließt – eine expressive Angsterfahrung, kein propagandistisch verwertbares Heldentum. „Andrej Rubljow“, Tarkowskis kinematografische Reise in die Welt eines mittelalterlichen russischen Ikonenmalers, reflektiert das fatale Verhältnis zwischen Kunst und Macht. „Solaris“, sein Science-Fiction-Film nach Stanislaw Lem, sucht auf einem fernen bedrohlichen Planeten nach der Instanz, die unsere Träume speichert. „Der Spiegel“ ist seine autobiografische Reise in die Kindheit eines vom herannahenden zweiten Weltkrieg und der Trennung der Eltern bedrohten Jungen.

1932 bei Moskau geboren, absolvierte der Sohn des Lyrikers Arseni Tarkowski in den fünfziger Jahren ein Regiestudium an der legendären Moskauer Filmhochschule VGIK. Sein Abschlussfilm „Die Walze und die Geige“ (1960), in dem sich ein Junge für das Geigenspiel gegen die Ingenieurspiele seiner Kameraden entscheidet, wird in der Retrospektive ebenso gezeigt wie „Stalker“, Tarkowskis Expedition ins Reich des Imaginären, in der sich eine Wissenschaftlergruppe in der „Zone“, dem Gegenbild zur Zivilisation, verliert. Claudia Lenssen

Die Filmreihe beginnt am Sonntag um 19 Uhr mit „Die Walze und die Geige“ und „Opfer“. Sie läuft bis 27. August.

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