Andres Müry: "Jedermann darf nicht sterben" : Das Bare und Gute

Theaterpublizist Andres Müry erklärt in seinem neuen Buch, warum der "Jedermann" weiter unsterblich stirbt.

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In Salzburg ist er Kult - auch bei dieser Festspielsaison: der Jedermann.
In Salzburg ist er Kult - auch bei dieser Festspielsaison: der Jedermann.Foto: dpa

Wenn Salzburg und Bayreuth wieder festspielen, dann hat der Kultursommer erst so richtig begonnen. Auf dem Grünen Hügel ist zum Auftakt Tannhäuser gerade in der Venushöhle verschwunden und der Fliegende Holländer im Meer versunken, da hallen seit Tagen schon um den Salzburger Dom die „Jedermann“-Rufe. Dieses „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ hat seit hundert Jahren so manchen mit Wohlstand gesegnet, kaum einem theatralen Todesfall seit Hamlets oder Romeos und Julias Ende ward mehr Erfolg beschieden. Auch 2014 werden 14 ausverkaufte Vorstellungen (für jeweils 2500 Zuschauer auf der Tribüne vor dem Dom) rund drei Millionen Euro in die Salzburger Festspielkassen fließen lassen.

Der Theaterpublizist Andres Müry, ein Wahlsalzburger mit liebevoll ironischer Distanz auf Grund bestinformierter Nähe zum Milieu und Metier, nennt den „Jedermann“ darum die „Cash Cow“ der größten Sommerfestspiele Europas. Sie habe „als Spektakel des Todes überlebt. Als Kult ohne Gläubige. Als Wirtschaftsfaktor“, schreibt Müry in seinem so lehrreichen wie unterhaltsamen Buch „Jedermann darf nicht sterben – Geschichte eines Salzburger Kults“ (Verlag Anton Pustet, Salzburg 2014, 222 Seiten, 24 €).

Das mit dem „Wirtschaftsfaktor“ klingt ernüchternder als es ist. Müry nämlich verbindet die Seriosität des Theaterkundigen mit der Serenität, vulgo: Heiterkeit des satirischen Feuilletonisten, der mit seinen Künstler- und Kritikerporträts „Minetti isst Eisbein“ (Untertitel „Lob der Hinterbühne“) vor Jahren schon eine wahre und wunderbare Backgroundgeschichte der Schauspielkunst geschrieben hat. Sein „Jedermann“-Buch war in einer ersten Fassung bereits 2001 erschienen, aber der jetzige Band ist eine aktuelle Fortschreibung, mit neuen Interviews, Materialien und schön bebildert.

Die "Everyman"-Saga, ein Erbauungsdrama

Natürlich geht es um einen Riesenschmarrn. Sozusagen um den Kaiserschmarrn der Theater- und Festspielhistorie. Vom Morbiden der Endzeit des alten Europas angezogen, doch aristokratisch-katholisch noch unterfüttert, verwandelt Hugo von Hofmannsthal die spätmittelalterliche „Everyman“-Saga in ein neobarockes Erbauungsdrama. Hofmannsthals Lieblingsregisseur Max Reinhardt hat es im Dezember 1911 im Berliner Zirkus Schumann vor 5000 Zuschauern uraufgeührt. Reinhardt & Hofmannsthal gründen dann nach dem Ersten Weltkrieg die Salzburger Festspiele, und aus dem Berliner Winterspektakel wird unter freiem Himmel und vor barocker Domkulisse der „Smash Hit“, so Reinhardt, des ganz großen Sommertheaters.

Sind die Verse und Reime auch arg gestelzt, die Idee, dass sich der reiche, selbstsüchtige Herr Jedermann, als ihm der Herrgott im Zusammenspiel mit Tod und Teufel plötzlich sein letztes Stündlein schlägt, vom Baren zum Guten bekehrt, gefällt dem Publikum. Es gibt den modernen Jedermännern und ihren schmucken Begleiterinnen (im Stück heißen sie „Buhlschaft“) für ihr Geld den spirituellen Trost. So „erfahren die aus aller Welt herbeigeeilten Millionäre, eher geht ein Reicher in den Himmel als ein Kamel durch ein Nadelöhr“, hat Fritz Kortner den fidelen Ablass einst auf den Punkt gebracht.

1938 wir der Jedermann von den Nazis sofort abgesetzt

In Mürys Buch verbinden sich in Anekdoten und Zitaten wie diesem immer wieder leichthändig Kultur- und Sozialgeschichte. Als die Nazis 1938 Österreich übernehmen, wird der „Jedermann“ sofort abgesetzt, weil zu stark mit dem „Kulturjuden Reinhardt“ und dem katholisch-elitären Dichter Hofmannsthal verbunden. Davor und danach aber ist das Stück, samt Salzburger Gagen, ein Magnet für Schauspieler: von Alexander Moissi, dem ersten Jedermann, über Attila Hörbiger und Will Quadflieg bis zu Curd Jürgens, Maximilian Schell, Klaus Maria Brandauer, Gert Voss, Ulrich Tukur oder Peter Simonischek (nebst Buhlschaften wie Senta Berger oder Veronika Ferres). Peter Stein scheitert da als Möchtegernrenovator, Peter Handke und Botho Strauß lehnen Neudichtungen des „Jedermann“ ab. Doch der Oberammergauer Passionsspielregisseur Christian Stückl und seit 2013 die Off-Theaterbriten Julian Crouch und Brian Mertes haben den alten Stoff zuletzt kräftig entmottet. Jedermann stirbt so weiter unsterblich.

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