Andris Nelsons bei den Berliner Philharmonikern : Man muss auch loslassen können

Andris Nelsons dirigiert das Vorspiel zum 1. Akt des "Parsifal" mit den Philharmonikern - und gibt einen Vorgeschmack auf seine Rückkehr zu den Bayreuther Festspielen im Sommer.

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Dirigent Andris Nelsons
Dirigent Andris Nelsons gab einen Vorgeschmack, was die Besucher der Bayreuther Festspiele erwartet.Foto: Marco Borggreve

Wenn die diesjährigen Bayreuther Festspiele mit „Parsifal“ eröffnen, wird alle Aufmerksamkeit jenem Mann gelten, der dort im „mythischen Abgrund“ unsichtbar den Taktstock führt. Andris Nelsons kehrt zurück auf den Grünen Hügel – und Berlin darf schon mal lauschen, was der Maestro sich zu Wagners Bühnenweihfestspiel denkt. Mit dem Vorspiel zum 1. Akt und dem Karfreitagszauber tritt er vor die Philharmoniker und kombiniert dazu Bruckners 3. Symphonie, die der Komponist in grenzenloser Verehrung dem Bayreuther Meister dedizierte. Nelsons laboriert an einer ähnlichen tiefen Verbundenheit mit Wagner, bückt sich förmlich hinein in seine Musik, ragt ihr gegenüber niemals in voller Körpergröße auf. Was er im „Parsifal“ findet, ist nicht etwa die tiefe Zerknirschung, die Rattle dort entdeckte. Nelsons folgt dem Erlösungsversprechen, das für ihn in der solistischen Finesse der Philharmoniker zu schlummern scheint.

Und tatsächlich spielt das Orchester sehr fein für den geschätzten Dirigenten, lässt sich bereitwilligst in schwelgerische Virtuosität locken. Fern liegen jegliche Ambivalenzen, und mit ihnen schwindet die Bindekraft motivischer Konfrontationen. Die Generalpausen im „Parsifal“-Vorspiel dienen dem Staunen mehr als zum dramaturgischen Spannungsaufbau, die harmonische Dringlichkeit erlangt keine Brisanz. Zum Karfreitagszauber passt Nelsons’ Deutung schon besser, und im Loslassen leuchten Verwandtschaften auf, die bislang standhaft geleugnet wurden. Da liegt doch Brahms auf den Holzbläserpulten!

In Bayreuth wird Nelsons wieder alles anders machen müssen, da mischt das Festspielhaus selbst beim Klangbild kräftig mit. Bruckners Dritte – in der gekürzten Fassung von 1889 ohne Wagner-Zitate – gewinnt durch Nelsons’ Umgehung ihrer Blockarchitektur nur schwer an fasslicher Form. Alles strebt in Schönheit auseinander, selbst das Scherzo holt die Schärfe nicht zurück ins Spiel. Ein Abend traumhafter Irrlichter.

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