András Schiff : Gut bürgerlich

Auch an diesem letzten Abend des Beethoven-Zyklus mit András Schiff ist der philharmonische Kammermusiksaal ausverkauft. Auch jetzt ist ein Publikum zugegen, dessen Wunsch offenkundig ist, ergriffen zu werden, ergriffen zu sein.

Christiane Tewinkel

 In der Saison 2006/07 hatte Schiff begonnen, alle Klaviersonaten Beethovens in Berlin zu präsentieren, nun ist das Finale erreicht. Ohne Pause spielt er op. 109, 110 und 111 hintereinanderweg, hält dazwischen nur für Sekunden inne, dann unterdrücktes Husten, Räuspern, Neuarrangieren im Saal: ein mit Andacht gesättigtes Konzert, ein Tribut an den alten Gedanken der Kunstreligion, ein Musikereignis, das nicht wenige Zuhörer mit stehenden Ovationen bedenken.

Schiff aber hält sich zurück. Er trumpft nicht mit stählerner Virtuosität auf, sondern stellt sich, so altmodisch es klingt, in den Dienst des Werkes. Einerseits bedeutet das Natürlichkeit. Zum Beispiel der verträumt-verklärte Beginn der Sonate E-Dur op. 109, den er wie ein impressionistisches Stück spielt, zügig allerdings, ohne das Tasten und Versuchen, das man dieser Passage unterlegen könnte, auch nachlässig gegenüber der Gefahr ausbüchsender Einzeltöne.

Das Thema der Variationen später, von Beethoven so einfach, so sanglich gesetzt, dass jede Menge Schwierigkeiten darin stecken, lässt er fast mozartisch klingen. Auch hier nur wenig Magie; schon der klare Terzabgang anfangs, vor allem aber die lichtvolle Wendung in die Dominante bleiben vor allem eines: gemessen. Andererseits besteht offenbar gerade in Schiffs Zurückhaltung sein Sex- Appeal als Beethoven-Interpret. Dass es bei allem Klassik-Trubel noch ein starkes Bekenntnis zu – und ein Bedürfnis nach – inneren Werten gibt, jede Menge guter alter Bürgerlichkeit, auch das zeigt dieser Abend. 

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