Kultur : Andy Goldsworthy: Lehm und Lehm lassen

Ronald Berg

Wie ein Magier oder Zen-Meister - mit denen er gerne verglichen wird - sieht der Künstler Andy Goldsworthy nicht aus. Eher wirkt der 1956 geborene Brite, der seine Jugend in einer Stadtrandsiedlung bei Leeds verbrachte, als käme er vom Dorf - rustikal und vielleicht ein bisschen schüchtern. Dabei ist man angesichts seiner filigranen Skulpturen geneigt, das heute so nutzlos gewordene Wort "weise" zu wählen. Doch zunächst ist das, was er tut, ganz einfach: Blätter, Steine oder Sand werden in der Natur aufgelesen und weniger verbaut oder verformt, sondern meist einfach nur nach Farben geordnet und zu ästhetischen Momentaufnahmen arrangiert. Die Kitschgefahr im Umgang mit dem vermeintlich Natürlichen, durch die Dreingabe von spirituellen oder esoterischen Absichten, ist bei Goldsworthy durch formale Strenge ausgeschlossen. Im Gegensatz zur Esoterik wird Landschaft bei Goldsworthy nicht instrumentalisiert. Seine Skulpturen versuchen keine verborgene Kräfte sichtbar zu machen. Natur ist bei ihm - wie bei einem klassischen Bildhauer - sein Material.

Ein entscheidender Faktor bei Goldsworthys Naturskulpturen ist ihre Vergänglichkeit. Die Zeit sei das Werkzeug für seine Skulptur, lautet sein Credo. Viele der Arbeiten haben eine äußerst begrenzte Lebensdauer. Goldsworthy scheint es sogar auf ihre Kurzlebigkeit anzulegen, wenn er mit zusammengefrorenen Eiszapfen arbeitet, die im Sonnenschein dahinschmelzen, mit bunten Laubfeldern, die am Boden verwesen, mit konzentrisch in die Tiefe führenden Sandlöchern, die von der Flut weggewaschen werden, oder gar mit Wasserzeichnungen auf Stein, die im Nu verdunsten. Am Ende bleibt von all dem nichts übrig, außer einer Abbildung. Die Aufnahmen mit der Hasselblad, oft als Serie von zwei bis drei Bildern, dokumentieren den Prozess des Entstehens und des Verschwindens. Es sind Unikate, ihre Auflage liegt bei eins. 15 000 bis 26 000 Mark kosten die Fotografien bei Springer & Winckler, je nach Umfang der Serie und Größe der Abzüge: Der Star hat seinen Preis. Und Goldsworthy ist ein Star, weniger in der Kunstszene, obwohl er durchaus Museumsausstellungen hat. Bekannt wurde er vor allem mit seinen Büchern, die sich allein in Deutschland durch den Buchversand "2001" hunderttausendfach verkauften.

Goldsworthy findet sein Publikum, wo sonst das Interesse an Kunst - zumal der zeitgenössischen - gering ist. Vom Dresdner Floristikclub bis zum Kunsthistorikstudenten reicht das Spektrum der Fans, die mitunter täglich in die Galerie kommen. Alle wollen jene scheinbar lebende Lehmwand sehen, die der Brite hier installierte. In der Tat, die langsam trocknende Wand aus Rheinsberger Lehm und Menschenhaar als Bindemittel lässt keinen unberührt und erinnert mit ihrer riesigen, geborstenen Sonne in der Mitte eher an ein archaisches Kultgebilde oder ein Mandala. Die in unregelmäßigen Rissen aufgebrochene Oberfläche der monochromen Wand hat eine enorme Präsenz, die durch die "ewige" Kreisform in der Mitte noch verstärkt wird. Offenbar erfüllt diese Lehmwand bei vielen eine Sehnsucht nach Spiritualität, obwohl sich die Trocknungsprozesse auch rein physikalisch erklären lassen.

Schon die Herstellung hatte etwas Archaisches. Eine Woche lang verkneteten acht Helfer mit der Hand die 4125 Kilo Brandenburger Trockenlehm mit Wasser und Haar von Charlottenburger Friseuren und aus dem Afroshop wie beim Kuchenbacken. Dann wurde das feuchte Material auf eine vor der eigentlichen Trägerwand befestigten Holzwand in einer Stärke von einigen Zentimetern angebracht. In der Mitte der Wand war zuvor ein kreisrundes Segment herausgesägt und das Holz etwas tiefer versetzt worden. Beim Trocknen der ursprünglich glatt gestrichenen Wand bricht nun wegen der unterschiedlichen Dicke des Kreises in der Mitte der Lehm in gröberer Struktur als bei der übrigen Fläche, und am Übergang formt sich das Kreissegment als Kluft ab.

Die Wand scheint dem sonst gültigen Prinzip bei Goldsworthy zu widersprechen, nur mit und in der Natur zu arbeiten. Aber, sagt Goldsworthy, der schöne Altbau aus Backstein, in dem sich die Galerie befindet, bestehe im Grunde aus dem gleichen Material wie seine Wand, nur dass die Ziegel natürlich gebrannt sind. Tatsächlich legt Goldsworthy bei seiner Lehmwand großen Wert darauf, Materialien aus der näheren Umgebung zu beziehen - und legt so die natürlichen Wurzeln auch in der deutschen Metropole frei. Nicht nur was das Material angeht. Auch Zeit ist ein Naturphänomen, oder vielmehr der Wandel, in dem wir sie erfahren. In ihrem Trocknungsprozess wird die Lehmwand mit einem sich stetig wandelnden Netz von Krakelüren überzogen - es lohnt sich daher, sie öfter zu besuchen.

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