Angel Olsen im Columbia-Theater : Eiskalter Engel

Musik, die mühelos tiefe Löcher gräbt und höchste Berge besteigt: Angel Olsen begeistert bei ihrem Auftritt im Columbia-Theater.

Volker Lüke
Angel Olsen. Die 29-Jährige ist eine furchtlose Performerin am Rande des Pops.
Angel Olsen. Die 29-Jährige ist eine furchtlose Performerin am Rande des Pops.Foto: Jagjaguwar

Der Engel heißt wirklich so: Angel Olsen, vor 29 Jahren geboren in St. Louis, wohnhaft in North Carolina. Die furchtlose Performerin am Rande der Popmusik war das erste Mal an der Seite von Bonnie „Prince“ Billy in Erscheinung getreten. Nun hat sie mit „My Woman“ ein Album veröffentlicht, das den Mythos der Songwriterin im Elfengewand über den Haufen wirft. Vom romantischen Gothic-Entwurf des traurigen Mädchens, das auf dem Grund eines dunklen Brunnens singt, bis zur grell meckernden Diva, die im Video von „Shut Up Kiss Me“ mit silberner Lametta-Perücke durch die Rollschuhdisco fährt, ist es nur ein kleiner Schritt.

Dieses Selbstbewusstsein spürt man auch beim Konzert im ausverkauften Columbia-Theater, wo sich Olsen als gefestigte Entertainerin präsentiert, deren introspektive Wunderlichkeit für 90 Minuten den Moment festhält, wo das Subjekt gegen seine Auflösung kämpft und gleichzeitig sein Verschmelzen mit der Musik zelebriert. Im roten Minirock und goldener Glitzerbluse steht sie vorm Mikro, während ihre Begleitband damit beschäftigt ist, den Dimensionen einer Musik nachzukommen, die mühelos tiefe Löcher gräbt und höchste Berge besteigt. Gespielt werden im Schatten gewachsene Country-Folk-Preziosen, die nach Delirium und Verzweiflung schmecken, genauso wie mondsüchtige Gänsehaut-Torch-Songs. Live kommen die Stücke rockiger, mit dreifacher Gitarrenpower.

Das Tollste aber ist natürlich Olsens durchdringende Stimme, mit der sie ihre gepflegt-schwermütigen Texte vorträgt und dabei wie ihr Vorbild Dolly Parton auch als singende Fernfahrerkneipen-Begleitservice-Lady eiskalte Rührung verbreitet. Manchmal wird die Stille so weit runtergedreht, das nur ein intimer Raum bleibt, der jeden gedämpften Seufzer hörbar macht, auch das Luftholen vor dem neuerlichen Moment des Zuschlagens. Am Ende weiß man, die Liebe ist das Schlimmste aller Übel. Doch die Botschaft lautet: Keine Angst vor großen Gefühlen.

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