Angela Krauss' Prosagedicht : In der Sprache wohnen

Schafft man es mit einem Prosagedicht der Welt eine Ordnung zu geben? Angela Krauss hat es mit ihrem Geidicht "Im schönsten Fall" versucht.

Jörg Magenau

Für Angela Krauß ist Poesie eine Kraft, die die Welt aus den Angeln hebt – vorausgesetzt, die Welt ist ein Haus mit einer Tür, an die sie den Hebel der Worte anlegen kann. Das Haus steht in Leipzig, wo sie seit langem lebt, und es taucht, verwandelt in ein fiktives Gebäude, immer wieder in ihren Büchern auf. Die Ich-Erzählerin wohnt darin meistens oben unterm Dach. Im aktuellen Fall handelt es sich um ein elfenbeinfarbenes Gründerzeithaus mit häufig wechselnden Nachbarn, mit Anwaltskanzlei und Architekturbüro, einem Bodybuilder, der mit seinen Gewichten die Mauern erzittern lässt und einer WG im Erdgeschoss, in der ein Mann mit seinen Computern Tag für Tag die „Reduktionsquote der Sprache“ errechnet. Das Gebäude ist also nicht etwa einer Muschel oder dem Schneckenhaus vergleichbar, das der Buchumschlag zeigt, denn es ist kein Ort des Rückzugs. Es ist ein weltoffenes Haus, ja mehr als das: Es ist schon fast die Welt. Drinnen und Draußen lassen sich nur schwer unterscheiden, wenn die Erzählerin ausruft: „Das Weltgebäude will errichtet werden! Man muss ja irgendwo wohnen.“

Doch der archimedische Punkt, von dem aus die Welt zu ordnen wäre, ist noch nicht gefunden. Das könnte an den vom Bodybuilder ausgelösten Erschütterungen liegen, die nicht nur die Elektronik zum Flackern bringen, sondern auch die Innenräume: „Was ich nicht begriffen habe, sackt in die Untiefen meines Bewusstseins, wo alles gesammelt und nichts erforscht ist. Ich bin mir selbst unbegreiflich geworden, sage ich seit einem Jahr schon frühmorgens, ich habe die Welt des letzten Tages noch nicht begriffen!“

Doch wie begreift man die Welt? Und wenn man sie begriffen hat: Was dann? „Im schönsten Fall“ ist ein Prosagedicht, in dem sich Lebensenthusiasmus und Weltverstörung, Ordnungssehnsucht und orgiastische Auflösung in der Sprache so durchdringen, dass sie Schwindelgefühle verursachen. Der Titel legt diese schöne Fallsucht ja nahe. Die Erzählerin arbeitet als Grafikerin. Sie will so die Schöpfung schneller voranbringen, interessiert sich aber auch für Schmetterlinge, Farben und Schönheitsphänomene. Vor allem aber befasst sie sich mit Zahlen und mathematischen Problemen. Das liegt an ihrem Onkel, der ihr in ihrer Kindheit auf seinem Millimeterpapier das Quadrat als Grundfläche des Weltgebäudes vorführte, und zu dem ihre Erinnerungen immer wieder zurückkehren. Mathematik, Poesie und Philosophie sind bei Angela Krauß durchaus benachbarte Disziplinen. Natur ist schön, ist aber kein Maßstab für eine, der „sämtliche denkbare Formen zur Verfügung“ stehen. Mädchenhaft naiv gelangt sie zu der brutalen Einsicht, dass ihre Suche nach dem, was die Welt zusammenhält, ergebnislos und sie mit ihrem Nichtwissen allein bleiben muss. „Wo das Anschauen aufhört, beginnt das Vorstellen, und am Ende des Vorstellens beginnt die Mathematik“, sagt ihr Erzählerinnen-Ich, das ganz und gar mit ihrer Stimme spricht. Doch auch die Mathematik hat ihre Grenzen, und da beginnt die Poesie. Eins und Eins ergibt ja nicht immer zwei, sondern, wie beim Prinzip der natürlichen Fortpflanzung zu beobachten, etwas Neues, also entweder eins oder drei. Auch der Liebe ist mit Berechenbarkeit nicht beizukommen, wie die Erfahrungen mit dem Informatiker Karel lehren, den sie im Lauf eines Jahres 13mal gesehen und 364mal geküsst haben will. Karel möchte gerne die Materie zugunsten der Information überwinden, zeigt sich darin als Bewohner des 21. Jahrhunderts und macht der Erzählerin, die leicht errötet, klar, dass sie in ihrer an Dingen haftenden Körperlichkeit noch ganz aus dem 20. Jahrhundert stammt.

Das Glück ist ein heikler Balanceakt, weil sich nichts davon begreifen lässt. Von dieser Leerstelle im Zentrum des Universums handelt dieses schmale, aus nichts als Sprache gemachte Buch. Schon die äußere Form führt die Zersplitterung der Wahrnehmung in Einzelteile vor, aus denen kein sinnvolles, narratives Ganzes entstehen kann. Kurze Prosastücke folgen da aufeinander, Beobachtungen, Reflexionen, Erinnerungen, Empfindungen. Eingeschoben sind immer wieder fiktive Zeitungsmeldungen von politischen „Weltgipfeln“, die die Weltklima-, Überbevölkerungs- und andere Apokalypsen ins Absurde überdrehen.

Gegen Ende geht Krauß in ein lyrisches Sprechen mit rhythmischem Zeilenfall über, als wäre da doch noch eine Ordnung zu erhoffen. Die Erzählerin tritt ans nächtliche Fenster und hört auf zu atmen: „Dann werfe ich meinen vollkommen gedankenleeren Kopf / hinaus in die Nachtluft / wie in einen schwarzen Teich“. Das ist der Fixpunkt, an dem nicht nur die Zahlen versagen, sondern auch die Sprache ins Schweigen oder in den Schlaf fällt. Ein schöner, ein schönster Fall, denn dann fällt „ein altes, sehr schweres Tor in ein tiefgoldenes Schloss“.

Angela Krauß: Im schönsten Fall. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 102 Seiten, 14,90 €.

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