Kultur : Angelica Domröse: Die Legende von Paula

Christoph Funke

Zur Ruhe kommen will Angelica Domröse nicht. Was sie gespielt hat, liegt hinter ihr, was sie spielen wird, verlangt ihre ganze Aufmerksamkeit. Die Lösung einer Aufgabe steigert nur ihr Bedürfnis nach noch größeren, ungewöhnlichen Herausforderungen. Diese Ungeduld bestimmt ihr Leben auf der Bühne und vor der Kamera - und hat ihr den Weg durch die Jahrzehnte nicht immer leicht gemacht. Kaum achtzehn, und ohne Ausbildung, fiel Angelica Domröse ihre erste Filmrolle zu, in Slatan Dudows DEFA-Film "Verwirrung der Liebe" (1959). Sie spielte Sigi, ein unbedarftes Kind, und hätte mit solch unverstelltem Liebreiz lange weiter machen können. Aber schon damals ging sie einen anderen Weg.

Die Anfängerin lehnte den angebotenen Filmvertrag ab, lebte und arbeitete gegen Erwartungen. Es folgten für die am 4. April 1941 in Berlin Geborene eine ordentliche Ausbildung, Theaterarbeit am Berliner Ensemble und an der Ostberliner Volksbühne, dazwischen Filmrollen, anders als die der Sigi im ersten Versuch von 1959. An ihnen wird ein staunenswerter Reifeprozess ablesbar, geprägt von der Entschlossenheit, sich nicht auf das begehrenswerte, junge Mädchen festlegen zu lassen.

Angelica Domröse interessiert sich für die Widerborstigen, für Frauen mit Mut zum Eigensinn und zum Widerstand. Immer vermied sie die einschichtige Fröhlichkeit und nahm, um mit Brecht zu argumentieren, als Interpretin nie eine nur kulinarische Haltung ein. Am Berliner Ensemble war sie 1962 die Polly ("Dreigroschenoper") und die Babette ("Die Tage der Commune"), an der Volksbühne die Cleopatra (Shaw: "Caesar und Cleopatra"), die Prinzessin Eboli im "Don Carlos" und 1972 die schöne Helena in der Operette für Schauspieler von Peter Hacks unter Benno Bessons Regie. Bei der DEFA hatte sie 1973 mit Heiner Carows "Legende von Paul und Paula" ihren größten Kinoerfolg, im DDR-Fernsehen wurde ihre Effi Briest unvergesslich. Der Schriftsteller und Drehbuchautor Günther Rücker gab Domröse nach der Paula-Rolle folgenden Rat: "Wählen Sie bitte nur das Außergewöhnliche, Sie haben diese Pflicht!"

Die Schauspielerin hat dieser Bitte entsprochen. Mit ihrem Mann Hilmar Thate verließ sie 1980 die DDR, als sie nach dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns keine Aufgaben mehr erhielt. Sie ging zu Boy Gobert ans Hamburger Thalia-Theater, später ans Berliner Schiller-Theater, nach Bochum und Wien, führte Regie - und blieb anspruchsvoll, unbequem.

Vielleicht gibt es in Berlin deshalb an keiner der großen Bühnen Raum für ihr außergewöhnliches Talent. Das Studiotheater bat und die Wölffer-Bühnen am Kurfürstendamm sprangen in die Bresche. In der Komödie spielte Domröse im März 1999 Terence McNallys "Callas" - ein Ereignis. Die Diva hatte etwas Hexisches, wenn distanzierte Freundlichkeit mit Bosheit wechselte. Aber sie war auch eine Frau der Stille, der Verzweiflung und Versunkenheit. Und eine solche Schauspielerin wird in der deutschen Hauptstadt nicht gebraucht? Es ist an den Berliner Bühnen, Angelica Domröses Versprechen des hohen Anspruchs endlich einzulösen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar