Angélica Liddell bei "Foreign Affairs" : Die Bühnenmesse der Porno-Queen

Befremdliche Frauenfantasien: Beim Festival "Foreign Affairs" möchten Angélica Liddell mit "Your are my Destiny" provozieren - und zeigt sich routiniert und lächerlich.

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Szene aus "You are my destiny".
Intime Geständnisse im türkisen Tüllkleid: Szene aus "You are my destiny" von Angélica Liddell.Foto: Brigitte Enguerand

Am Ende tut sie es doch. Die Performance ist schon zu Ende, da zieht sich Angélica Liddell den schwarzen Slip aus, hält kurz inne – und wirft ihn ins Publikum. Die Handys sind da bereits gezückt. Und auch die anschließende Sexorgie wird eifrig mitgefilmt. Liddell springt auf den geschmückten Leichenwagen. Und die zehn Italiener lassen noch mal die Hosen runter und reiben ihre Körper aneinander zu einem Mix aus Italo-Schlager und Techno.

Die Inszenierung „You Are My Destiny (lo stupro di Lucretia)“ mündet in einer Art Love-Parade. Die Versuchung war wohl zu groß, nach der öden Bühnenliturgie mit einem Rave die kollektive Entgrenzung zu feiern. Angélica Liddell ist für ihre Exzesse und masochistischen Praktiken bekannt: So hat sie sich in ihren Performances mal die Beine aufgeritzt, mal die Hände mit heißer Milch verbrüht. Die katalanische Bühnenextremistin ist nun zum dritten Mal in Folge zu "Foreign Affairs" eingeladen.

Die "sanfte Vergewaltigung" - eine ärgerliche Umdeutung

Das Festival widmet ihr diesmal einen ganzen Fokus. Am 1. und 2. Juli tritt sie in den Kunst-Werken auf, am 4. und 5. Juli ist sie im Haus der Berliner Festspiele zu erleben mit dem dritten Teil ihres „Auferstehungszyklus“. Den Auftakt der Trilogie bildet „You Are My Destiny“. „Die Zeit des Heiligen hat begonnen“, verkündet die Hohepriesterin der Selbstkasteiung. Zuvor tritt sie in einem türkisfarbenen Tüllkleid an die Rampe und macht ein intimes Geständnis. Nach einer schlimmen Zeit in Venedig habe sie die Lagunenstadt „gedemütigt und angeekelt von ihrem Körper“ verlassen.

Ihre persönlichen Verletzungen verarbeitet die Performerin in ihren Stücken, Kunst und Leben sind bei ihr nicht zu trennen. Irritierend war schon immer, wie bei Liddell weiblicher Selbsthass und wütende Attacken gegen das Patriarchat Hand in Hand gehen. Doch ihre Umdeutung vom Mythos der geschändeten Lucretia ist nicht nur befremdlich, sondern auch höchst ärgerlich. Im Mythos bringt sich die tugendhafte Römerin selbst um, nachdem sie vergewaltigt wurde. Liddell will daraus partout eine schicksalhafte Liebesgeschichte machen. Spricht gar von einer „sanften Vergewaltigung“, die von der Frau selber gewollt sei. Die muss am Ende erkennen, dass ihr Peiniger sie als Einziger je geliebt hat. Solche schwülstigen Frauenfantasien sind kaum auszuhalten. Auf der Bühne wäscht Liddell den zehn Männern auch noch die Füße und gibt die Maria Magdalena. Bespuckt zudem die Darstellerin der Lucretia, die von jedem der Machos begrapscht wird.

Provokation nach Rezept

Doch viel weiß Liddell nicht anzufangen mir ihrer Boygroup. Wenn dann zehn niedliche Bambini auftreten, mal mit Luftballons, dann als Totengräber verkleidet, fühlt man sich wie beim Kindergeburtstag. Dazu singt ein ukrainischer Männerchor ausdauernd Choräle. Die Bühnenmesse mit ihrer Melange aus Katholizismus, Kitsch und Performance-Entgrenzungen rutscht ins Lächerliche ab. Den heiligen Eros will Liddell feiern und mutiert am Ende zur Porno-Queen. Aber ob sie nun eine Bierdusche nimmt oder eine Masturbation andeutet: Die Provokationen an diesem Abend wirken routiniert. Sie sind alle längst Pop.

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