Angelina Jolie : Die schwarze Witwe

Angelina Jolie erobert im Thriller "Salt" eine Männerdomäne Hollywoods. Heute stellt sie ihren neuen Film in Berlin vor.

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Amazone Angelina alias Agentin Evelyn Salt in Aktion.
Amazone Angelina alias Agentin Evelyn Salt in Aktion.Foto: ddp

Man hätte es wohl schon damals ahnen können, dass diese Hammerfrau von Mitte zwanzig das Kino dort, wo es richtig hart wird, revolutioniert. Die Hauptrolle in James Mangolds Psychiatrie-Thriller „Girl – Interrupted“ (1999) spielte zwar eine gewisse Winona Ryder, den einzigen Oscar für diesen Film aber holte Angelina Jolie als beste Nebendarstellerin. Nebendarstellerin? Während die bravhübsche Ryder sich jeden Ausbruch aus der Niedlichkeitsnorm geradezu abzupressen schien, spazierte Jolie als furchterregende Borderline-Patientin stets wie beiläufig durch ihre Szenen. Und jedes Mal schien die Leinwand zu brennen.

In den zehn Jahren seitdem hat Jolie abseits der Leinwand Schlagzeilen en masse und auf der Leinwand dies und jenes gemacht. Vielleicht aber pirschte sie sich bloß an ihre erste große Actionrolle im Genre der Agententhriller heran, um dann umso kräftiger zuzugreifen. Ihre „Lara Croft“Versionen 2001 und 2003? Das waren zirzensisch-pyromanische Männerfantasien mit einer Realo-Pin-up gewordenen Videospielfigur. „Mr. and Mrs. Smith“ von 2005? Schon besser. Aber auch da war sie erstens am Set nur die Hälfte eines tüchtigen Action-Teams. Die andere übernahm ein gewisser Brad Pitt. Der Rest ist Boulevardgeschichte.

Nun ist Angelina Jolie, in dem so rasanten wie eleganten Thriller „Salt“, ganz oben im Bond- und Bourne-Fach angekommen. Mit einer atemberaubenden athletisch-artistischen Leistung bricht sie – viel ernsthafter als Uma Thurman einst in Tarantinos „Kill Bill“ – in eine der letzten Männerdomänen Hollywoods ein und macht ihre Sache mindestens so gut wie Matt Damon und Daniel Craig, die das Topagentenfach im Kino zuletzt brüderlich unter sich aufgeteilt hatten. Und da Jolie als Bond-Girl ohnehin nie vorstellbar war, gibt es nun eben einen „Salt“-Boy namens August Diehl. Der macht seine Sache als versponnener Spinnenforscher gut und bringt es sogar zum mit der Heldin verehelichten love interest. Nur wird er nach einigen durchaus herzbewegenden Szenen nicht länger benötigt, und zwar definitiv.

Manchen Männern missfällt das. Ihnen missfällt womöglich überhaupt, dass da eine Frau in der 100-Millionen-Blockbuster-Kampfklasse zuschlägt, in einer Kombination – um genau zu sein – aus den Kampfkünsten Muay Thai und Krav Maga, und das so überzeugend wie die klassischen Actionhelden selber. Oder dass sie viele Stunts am liebsten selber erledigt wie weiland Jean-Paul Belmondo und dabei verdammt gute Figur macht. Wenn manche Männer also dieser Tage nörgeln darüber, dass Diehl nur eine so kleine Rolle hat oder dass die Story doch reichlich unglaubwürdig sei: Wann bitteschön hätten sie sich im guten, alten Männerkino je ebenso eingehend über absurde Plot-Wendungen oder unterbeschäftigte Deko-Girls beschwert?

Also Jolie, Angelina Jolie, die härteste Agentin der Welt. Als Evelyn Salt – die Rolle des Edwyn Salt, die eigentlich Tom Cruise übernehmen sollte, wurde extra für sie umgeschrieben – liegt sie erst halbnackt in einem nordkoreanischen Folterknast und verrät selbst unter Zwangsernährung aus dem Benzinkanister nicht ihre CIA-Auftraggeber. Dann wird sie, nach einem Gefangenenaustausch wieder patriotisch in Amt und Würden, von einem russischen Überläufer namens Orlov – wunderbar gespielt von dem großen polnischen Darsteller Daniel Olbrychski – beschuldigt, eine langjährige russische Schläferspionin zu sein. Mehr noch: Demnächst werde sie, zwecks Destruktion der allzu freundlich gewordenen bilateralen Beziehungen, den russischen Staatspräsidenten mitten in New York ermorden. Zu viel verraten? Gar nix verraten. Der Film fängt ja gerade erst an.

In der erbarmungslosen Konfrontation der großen Blöcke des Kalten Kriegs mag „Salt“ reichlich altmodisch geraten sein (nur der Schurkenstaat Nordkorea erinnert an aktuelle US-Feindbilder). Andererseits: Das ausgefuchste MatrioschkaSpiel immer neuer Motivationen und Mordaktionen, das die Verfolgte zur Verfolgerin und wieder zur Verfolgten macht – ist es gar so unrealistisch? Immerhin 100 Minuten lang behauptet es mit einiger Vitalität seine binnenfilmische Glaubwürdigkeit, so abenteuerlich die Heldin sich auch in die immer wieder nächstbessere, noch gefährlichere Mission zu stürzen scheint. Schließlich agieren schon die Apparate auf amerikanischer und russischer Seite so, wie man es von ihnen erwartet: notwendig eiskalt.

Am glaubwürdigsten aber wirkt Angelina Jolie selbst – und das klingt deshalb besonders kurios, weil sie bei realer Ausführung aller aberwitzigen Aktionen allerlei Tode hätte sterben müssen. Also gut: Sie springt vielleicht nicht vom fahrenden Lastwagendach zum fahrenden Lastwagendach, aber sie hält sich offenkundig mitunter auf derlei über die Highways jagenden Lastwagendächern auf. Und sie schwingt sich vielleicht selber nicht wie Spiderman von Fahrstuhlschachtetage zu Fahrstuhlschachtetage – aber ist es nicht Jolie höchstpersönlich, die sich da barfuß in schwindelerregender Höhe an einer Fassade entlanghangelt?

Vielleicht ist es auch Angelina Jolies reichlich dramatische außerfilmische Persona, die dem Publikum Streiche spielt: das Wissen um das böse Mädchen, das sich die Haut ritzte und Heroin spritzte, das Wissen um die femme fatale mit dem Hang zur Ganzkörpertätowierung nebst Zerstörung anderweitiger Liebesverhältnisse – und ist diese Ausnahmefigur Hollywoods nicht selbst in der exzessiven Ausstellung eigener Mutterschaft und Karitativ-Karriere irgendwie borderline geblieben? So einer glaubt man einfach, wenn sie ihre Lust auf luftige Balanceakte und Extremsprünge cool so rechtfertigt: „Rein zufällig mag ich Höhen.“ Also: Stürze. Also: das Risiko. Atemberaubend anzusehen ist es allemal. So atemberaubend, dass daneben sogar ein Daniel Craig nur wie ein üblicher Haudegen mit den üblichen Handfeuerwaffen zu hantieren scheint – wenn er denn nach der MGM-Krise je wieder einen Bond verkörpern sollte.

Zweifacher Trost aber sei den Machos in ihrer großen allgemeinen Verunsicherung gespendet. Dass „Salt“ so signifikant aus allerhand Alltagsware im Agentenpolitthrilleractiongenre heraussticht, ist – auch – Männerwerk. So empfiehlt sich Regisseur Philip Noyce nicht nur durch solide Auftragsarbeiten wie „Die Stunde der Patrioten“ oder „Das Kartell“, sondern hat etwa Graham Greenes „Der stille Amerikaner“ sehr subtil verfilmt. Und Kameramann Robert Elswit, in „Salt“ erneut in Bestform, steht auch etwa für „Good Night and Good Luck“ und die spektakulären Bilder von „There Will Be Blood“, wofür er den Oscar bekam. Liev Schreiber schließlich, der Evelyn Salts undurchsichtigen CIA-Chef spielt, ist einer der vielseitigsten Darsteller, die Hollywood derzeit aufzubieten hat.

Und noch etwas. Schon möglich, dass die irrwitzig erscheinenden Frontwechsel der Agentin Salt alias Chenkov alias Hernandez nicht diesem oder jenem Patriotismus oder gar einem frühkindlichen Trauma geschuldet sind, sondern einem Gefühl, das im maskulinen GeheimdienstGenre so gar nichts verloren hat: der Liebe. Dabei weiß doch jedes Kinokind, dass Liebe als Topdefekt unter Topagenten gilt. Nur: Beruhigt es wirklich, dass ein Bond niemals etwas aus Liebe täte – oder nimmt, nach „Salt“, gerade dieser Gedanke den Männermythos endgültig auseinander?

Angelina Jolie stellt heute (18. August) ihren neuen Film in Berlin vor. Am Nachmittag gibt Jolie eine Pressekonferenz, anschließend feiert der Film im Cine-Star am Potsdamer Platz seine Deutschlandpremiere.