Angelique Kerber in der Spur von Steffi Graf : Spiel, Satz, Erinnerung

Angelique Kerber wird mit ihrem Australian-Open-Sieg keinen Tennisboom auslösen oder in Essays landen - aber sie leistet wertvolle Erinnerungshilfe.

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Angelique Kerber mit ihrer Grand-Slam-Trophäe
Angelique Kerber mit ihrer Grand-Slam-TrophäeFoto: Filip Singer/dpa

Angelique Kerber hat jetzt also die Australian Open gewonnen – und sofort kommen einem die Zeiten in den Sinn, in denen Boris Becker, Steffi Graf und ein paar Jahre lang auch Michael Stich das Welttennis dominierten; der Sommertag, an dem das 17-jährige Bobele in Wimbledon Kevin Curren besiegte, der andere Tag zwei Jahre später, als Steffi Graf in Paris gegen Martina Navrátilová gewann. Die Euphorie war damals, es waren die mittleren achtziger Jahre, bei den Runden zuvor schon ziemlich groß, und viele Deutsche begannen auf einmal, sich intensiv für Tennis zu interessieren. Martin Walser schrieb gar Essays über Graf und Becker, und Michael Kleeberg strukturierte ein großes Kapitel seines Romans „Karlmann“ mit dem 85er-Wimbledon-Finale.

"Wir" sind noch nie Grand-Slam-Gewinner oder Fußballweltmeister geworden

Wer aber ist Angelique Kerber? Das wird jetzt nach diesem Wochenende vielleicht ganz Deutschland wissen, eine 28-jährige Tennisspielerin, die in Bremen geboren wurde, als Kind eines deutsch-polnischen Paares. Aber vor den Australian Open? Dieses Turnier hat außer den standhaft Tennisbegeisterten kaum jemand verfolgt, und nicht anzunehmen ist, dass Tennis und Tennis-TV hierzulande einen Boom wie zu Becker-Graf-Zeiten erleben. Deutschland ist ein anderes Land geworden, ein größeres, weltoffeneres, möchte man meinen (ja, trotz Pegida, AfD und Seehofer), die Globalisierung hat noch einmal andere Ausmaße angenommen, stellvertretend reist kein Sportler mehr rund um den Globus, und die Identifikation mit „unseren“ Sportlern hält sich mehr als ehedem in Grenzen. Schließlich fragte man sich das ja damals immer schon mal in stilleren Stunden: Was habe ich eigentlich mit Boris Becker zu tun? Wird mein Leben ein besseres, anderes, werthaltigeres, wenn er gewinnt? Und wenn dem so ist, das wusste man in diesen stillen Stunden bald, läuft doch einiges schief in diesem, meinem Leben. „Wir“ sind ja auch noch nie Fußball-Weltmeister geworden, sondern die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, und genau so wird das am heutigen Sonntag sein, wenn die deutschen Handballer um den EM-Titel spielen.

Insofern ist Angelique Kerber zwar die erste deutsche Tennisspielerin seit Steffi Graf, die wieder ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat. Vor allem aber hat sie wichtige Hilfe bei der willkürlichen Erinnerungsarbeit geleistet. Was schon einen großen Mehrwert hat: Es muss ja nicht jeder Tennisstar Eingang in die deutschsprachige Literatur finden.