Angeschaut : Kurz & kritisch

Vier Filme aus Panorama und Forum: "Kann Door Huid Heen", "Fucking Different Tel Aviv", "Man tänker sitt" und "Ghosted".

Julian Hanich
Fucking Different Tel Aviv
Szene aus "Fucking Different Tel Aviv". -Foto: Promo

FORUM

Frau unter Einfluss:

„Kaan Door Huid Heen“

Marieke – das ist doch eigentlich ein beschwingter Name. Drei weiche holländische Silben, bei denen die Stimme fröhlich rauf und runter hüpft. Doch davon kann in Esther Rots’ „Kaan Door Huid Heen“ keine Rede sein. Marieke (Rifka Lodeizen) sieht sich von einem Tag auf den anderen mit Schutt und Asche ihres Lebens konfrontiert. Ihr Freund verlässt sie. Ein Eindringling misshandelt und erwürgt sie beinahe. Und die Gerichtsverhandlung bringt keine Genugtuung. Marieke zieht sich von Amsterdam aufs flache Land zurück, nach Zeeland, wo im Winter der Nebel die Dinge diffus werden lässt, wo Eis auf den schlammigen Feldern liegt, wo der Himmel grau und hässlich ist. Unwirtlich und schmutzig ist auch Mariekes Haus. Und man versteht schnell, was Esther Rots damit sagen will: Dieses Dasein ist zerstört und Marieke muss zur Trümmerfrau am eigenen Leben werden.

Doch so etwas sagt sich so leicht! Mal zieht sich Marieke ängstlich in ihren Küchenschrank zurück. Mal überrascht sie ihren Nachbarn John (Wim Opbrouck) in der Nacht fröhlich mit China-Food. Der Film versucht diese manisch-depressiven Konflikte auch formal erfahrbar zu machen: Er springt elliptisch zwischen den Szenen, verknüpft Erlebtes und Imaginiertes und baut durch extreme Nahaufnahmen und Tonspur-Experimente eine fast schon klaustrophobische Nähe zur Hauptfigur auf. Dadurch erinnert Rots’ hochintensives Spielfilmdebüt an andere Porträts von Frauen am Rande des Wahns – an John Cassavetes’ „Eine Frau unter Einfluss“ und Ole Christian Madsens Dogma-Film „Kira“. Julian Hanich

Heute 19 Uhr (Delphi), 8. 2., 11.45 Uhr (Cinestar 8), 9. 2., 20 Uhr (Colosseum 1), 15. 2., 22 Uhr (Arsenal)

PANORAMA

Geschlechter unter Beobachtung:

„Fucking Different Tel Aviv“

Ein schickes Apartment, in Schwarz-Weiß aufgenommen. Darin zwei Frauen, die sich zu einem Rendezvous getroffen haben. Romantik pur. Plötzlich kommt eine dritte Frau hinzu, athletisch, im Kampfanzug, mit einem langen blonden Zopf. Offenbar wohnt sie hier und hat ihre Freundin beim Fremdgehen erwischt. Ein Eifersuchtsdrama, denkt man, aber es geht auch um Drogen. Die Besucherin ist eine Kundin, das Lesbenpaar dealt. Nichts wird zerredet, das macht die Vorgänge umso spannender.

Diese rätselhafte Episode ist charakteristisch für den dritten Teil des „Fucking Different“-Projekts, für das nach Berlin und New York der Drehort Tel Aviv gewählt wurde. Erneut sind zwölf lesbische und schwule Filmemacher beauftragt worden, Kurzfilme über das jeweils andere Geschlecht zu drehen. Ein Manko ist geblieben: Auf der sexuellen Ebene sind die Episoden zu zaghaft, offenbar will sich keine Community vor der anderen mit frauen- oder männerfeindlichen Vorurteilen blamieren.

Interessanter als die Vorgängerfilme ist das israelische Projekt dennoch, weil Religion und Politik eine stärkere Rolle spielen. Gleich die erste Geschichte handelt von zwei Männern, die sich zum Sex verabredet haben und politische Differenzen feststellen. Der eine ist ein linker Kriegsgegner, der andere ein rechter Militarist. In einer weiteren Episode rauft eine Skinhead-Lesbe mit einer Kopftuchträgerin. In beiden Fällen ist der Trieb stärker als die Ideologie. Überhaupt werden in diesem Kollektivfilm keine seichten Yuppie-Probleme behandelt. Und trotz der versteckten politischen Botschaften wurde das formale Experiment nicht vernachlässigt. Auf eine Thrillerparodie, in der ein Grand-Prix-Star entführt wird, folgt ein Animationsfilm im Frank-Miller-Stil, angesiedelt in einer Lesbenbar, in der alles schwarz-weiß ist – mit Ausnahme der roten Lippen. Die Hälfte der Episoden hat man schnell vergessen. Dennoch: Die thematische und stilistische Vielfalt bleibt im Gedächtnis. Frank Noack

Heute 22.30 Uhr (Colosseum 1), 11.2., 13 Uhr (Cinemaxx 7), 12. 2., 20 Uhr (Cinemaxx 7), 14. 2., 17.45 (Cinestar 3)

FORUM

Jungen unter Druck:

„Man tänker sitt“ aus Schweden

Sie suchten die Idylle. Und wählten die grüne Hölle einer westschwedischen Kleinfamiliensiedlung. Zwischen Hauptstraße, Blumenkübel, Sportplatz und Kiefernwald, in hellen Holzhäusern ohne Keller, sitzen sie jetzt fest wie unter Laborbedingungen. Der elfjährige Sebastian (Sebastian Eklund) lebt bei der Mutter und beobachtet die Männer seiner Straße: Jimmy trägt seinen Sohn auf dem Arm, wohnt bei den Eltern, darf aber keinen Schlüssel haben. Mischa fischt. Und Anders joggt. Dumpfer Druck staut sich auf, zur Eruption kommt es aber nicht. In ihrem Debüt „Man tänker sitt“ präsentieren die schwedischen Regisseure Ferdrik Wenzel und Henrik Hellström eine Art Versuchsanordnung darüber, wie Menschen (man könnte auch sagen: Nachbarn) hausen und lungern, nachdem sie sich selbst begraben haben. Ein ausgezeichnet fotografierter Film voll absurder Miniaturen und Extremstlakonie, kommentiert und verdunkelt von Sebastians brütender Aphoristik: „Mein Instinkt sagt mir, der Kopf ist ein Organ zum Graben.“ Sebastian Handke

Heute 16.45 Uhr (Cinestar 8), 8. 2., 20 Uhr (Colosseum 1), 10. 2., 22.30 Uhr (Arsenal 1), 14. 2., 12 Uhr (Cinestar 8)

PANORAMA

Heldin unter Künstlern:

„Ghosted“ von Monika Treut

Bei den rund zwanzig Filmen, die Monika Treut bisher gedreht hat, handelt es sich fast ausschließlich um Dokumentarfilme. Aber kann man noch von einer Dokumentation sprechen, wenn im Mittelpunkt Performance-Künstlerinnen wie Annie Sprinkle oder Susie Bright stehen, die sich permanent selbst inszenieren? „Didn’t Do It for Love“ war ein Porträt der finnischen Abenteurerin Eva Norvind, die in mexikanischen Trashfilmen aufgetreten ist – auch hier fiel es schwer, das Dokumentarische vom Fiktionalen zu trennen. Treuts neuestes Werk „Ghosted“ ist ein romantischer Thriller mit Anklängen an Hitchcocks „Vertigo“. Professionelle Schauspielerinnen verkörpern Figuren, die nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. Also alles Fiktion?

Nein, man glaubt über weite Strecken einen Dokumentarfilm über deutsch-taiwanesische Beziehungen zu sehen. Detailliert wird der Alltag taiwanesischer Gastwirte in Hamburg beschrieben. Genauso aufmerksam beobachtet Treut ihre Heldin Sophie (Inga Busch), die von Hamburg nach Taipeh fliegt, um dort ihre Fotos auszustellen. Nur beiläufig erfahren wir, dass Sophie ihrer großen Liebe Ai-ling nachtrauert, und dass diese Ai-ling auf mysteriöse Weise gestorben ist. Sie bleibt weiterhin präsent: Sophie setzt sich in jeder freien Minute an den Laptop und bearbeitet die letzten Aufnahmen ihrer Geliebten. Eine neue Frau tritt in ihr Leben. Kannte sie die Tote? Hat die Mafia Ai-ling auf dem Gewissen? Oder war es die depressive Alkoholikerin, die in der Hamburger Lesbenszene Angst und Schrecken verbreitet? Aus dem Stoff hätte man knallige, deftige Kolportage machen können, aber Treut bevorzugt leise Töne und wird darin von ihrer herben, zurückhaltenden Hauptdarstellerin unterstützt. Frank Noack

Heute 20 Uhr (Cinemaxx 7), 8. 2., 22.30 Uhr (Cubix 7), 9. 2., 17.45 Uhr (Cinestar 3)

0 Kommentare

Neuester Kommentar