Angeschaut : Kurz & kritisch

Vier Filme aus Panorama und Forum: "High Life", "Fig Trees", "Mitte Ende August" und "Vaterspiel".

Julian Hanich
High Life
Szene aus "High Life". -Foto: Promo

PANORAMA

Gauner-Komödie

„High Life“ von Gary Yates

Wir sind im Jahr 1983. Es ist Winter. Es ist kalt. Es ist ungemütlich in Kanada. Und die mit Abstand am wenigsten beantwortete Frage war schon damals die gleiche wie heute: Wie kommt man, verdammt noch mal, möglichst schnell an möglichst viel Geld? Dick, Bug, Donnie und Billy – die vier verranzten und erzbescheuerten Junkie-Protagonisten aus Gary Yates’ „High Life“ – haben darauf die mit Abstand am häufigsten gegebene Antwort: durch einen Banküberfall.

Leider sind die vier nicht Ocean’s Fourteen, weshalb das Ganze mindestens so gründlich schiefgeht wie der Einbruch der „Reservoir Dogs“. Und damit wären wir dann auch schon bei den Vorbildern dieses Films: Neben einer gehörigen Portion Quentin Tarantino kommt noch ein wenig Guy-Ritchie-Humor dazu. Und schon hat Gary Yates seine amüsante, wenn auch nicht übermäßig originelle Gauner-Komödie beisammen. Ein Höhepunkt: Stephen Eric McIntyre in der Rolle des Ex-Knackie-Junkies Bug. Gegen dieses zottelige, völlig verlebte Urviech wirken selbst Nick Nolte, Jürgen Prochnow und die anderen Ledergesichter Hollywoods wie Jünglinge aus der Nivea-Werbung. Den Kerl würden wir gern wiedersehen. Julian Hanich

9. 2., 14.30 Uhr (Cubix 9), 15. 2., 22.30 Uhr (Colosseum 1)

PANORAMA

Dokumentar-Oper:

„Fig Trees“ von John Greyson

Nicht Rührung, sondern Provokation ist das Ziel des Kanadiers John Greyson, der in „Fig Trees“ die Aids-Aktivisten Tim McCaskell und Zackie Achmat porträtiert. Und er provoziert nicht mit billigen Schockeffekten oder Beleidigungen, sondern mit einem radikalen Ansatz: „Fig Trees“ ist die erste Doku-Oper! Archivaufnahmen, Interviews und Pressekonferenzen wurden mit Arien unterlegt. In einer Parallelhandlung recherchiert Gertrude Stein für ein Libretto über Tim und Zackie, die 100 besten Aids-Songs werden vorgestellt, Buchstabenspiele durchgeführt und schwule Komponisten von A bis Z aufgelistet.

Zu einem aberwitzigen Musikclip ließ sich Greyson von der inzwischen abgesetzten südafrikanischen Gesundheitsministerin inspirieren, die Zitronen und Knoblauch zum Schutz vor Aids empfohlen hatte: Der Clip zeigt, wie eine Zitrone und eine Knoblauchzehe im Duett singen. Stilistisch ist „Fig Trees“, mit seiner vielfach geteilten Leinwand und den ausufernden Assoziationen (Teresa von Avila, Teresa Stratas, Nelson Mandela), stark von Peter Greenaway beeinflusst. Da das Original kaum noch in Erscheinung tritt, lässt man sich die Kopie gern gefallen. Frank Noack

9. 2., 20 Uhr (Cinemaxx 7), 10. 2., 22.45 Uhr (Cinestar 3), 11. 2., 17.45 (Cinestar 3), 15. 2., 20.15 Uhr (Cinestar 3)

FORUM

Beziehungs-Drama:

„Mitte Ende August“

Seltsam, dieser Film hebt nie ab. Dabei bedienen sich seine Protagonisten durchaus zeitraubend allerlei berauschender, zumindest enthemmender Substanzen. Oder sollte die unüberwindliche Erdenschwere der irgendwie fiepsig geratenen Heroen doch dramaturgische Absicht sein? Egal, nach einer Weile wirkt sie irgendwie fatal aus Versehen.

Also: In ferner Anlehnung an Goethes Wahlverwandtschaften basteln die bodenständige Hanna (Marie Bäumer) und der ewig kindliche Thomas (Milan Peschel) an ihrer neu erworbenen brandenburgischen Datscha. Thomas’ superseriöser Bruder Friedrich (André Hennicke), als Architekt auch zur Axt im Häuschen tauglich, sowie Hannas knusprig herangewachsenes Patenkind Augustine (Anna Brüggemann) kommen hinzu, und es bedarf nicht einmal der überdeutlich komplementär gewählten Akteure, um zu erkennen: das Überkreuzverliebtsein kann, ja: muss beginnen. Bald sind zudem Hannas Playboy-Papa nebst rassig russischer Bumsbraut zumindest abendszenenfüllend zugegen, doch das bringt das Geschehen auch nicht wirklich auf Trab.

Schwer begreiflich, was Sebastian Schipper, dem der gehoben unterhaltungsbedürftige Cineast so Eingängiges wie „Absolute Giganten“ (1999) und „Ein Freund von mir“ (2006) verdankt, nun zu einem so hochangestrengt dahindümpelnden Beziehungsfilmchen inspirierte. Das Forum hat „Mitte Ende August“ sogar mit dem offiziösen Adelsprädikat „einziger deutscher Spielfilm“ im Programm. Das Ergebnis ist eine seltsame Visitenkarte für alle Beteiligten. Jan Schulz-Ojala

9.2., 15 Uhr (Cinestar 8), 10. 2., 20 Uhr (Colosseum), 13. 2., 22.15 (Cubix 9)

PANORAMA

Roman-Verfilmung:

Michael Glawoggers „Vaterspiel“

Was soll das denn? Der Österreicher Michael Glawogger verfilmt Josef Haslingers Roman „Das Vaterspiel“ – und heraus kommt...tja, was eigentlich? Glawogger hat sich als beeindruckender Dokumentarist („Workingman’s Death“) und erfreulich provokativer Spielfilmregisseur („Slumming“) einen Namen gemacht. Sein neuer Film ist ein Puzzle, dessen Teile nicht recht zusammenpassen. Einerseits geht es um einen Wiener Studenten, der seinen schmierigen, haideresken Politiker-Papi verachtet und ein Vatervernichtungscomputerspiel namens „Kill Daddy Good Night“ entwickelt. Andererseits spielen die Nachwirkungen eines Nazi-Massakers in Litauen eine zentrale Rolle. Als Motive sind – mal überaus plakativ, mal nur schemenhaft – erkennbar: Vaterhass, Inzest- und Ödipal-Fantasien sowie Verdrängung. Dazu: Politiker-Schelte und Kritik an falscher Erinnerungskultur.

Abgesehen davon, dass der Film miserabel ausgeleuchtet ist und einige höchst alberne Animationsszenen enthält, gibt sich „Das Vaterspiel“ merkwürdig theatralisch, merkwürdig strukturlos, merkwürdig unkonzentriert. Folglich stehen selbst so bewundernswerte Darsteller wie Ulrich Tukur, Sabine Timoteo oder Otto Tausig auf verlorenem Posten. Ärgerlichster Dialog: „Warum magst du deinen Vater nicht?“ – „Wer mag schon seinen Vater?“ Julian Hanich

9. 2., 12.45 Uhr (Cinemaxx 7), 12. 2., 17 Uhr (Cubix 9), 13.2., 22.45 Uhr (Colosseum)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben