Angeschaut : Kurz & kritisch

Zwei Filme aus dem Forum: "La sirena y el buzo" und "Sweetgrass".

Silvia Hallensleben
Sweetgrass
Szene aus "Sweetgrass". -Foto: Promo

FORUM

Das Schweigen der Schildkröten:

„La sirena y el buzo“

Fast jeder kennt die Dokumentationen aus der Welt der Deklassierten, wo die Handkamera hinter der Armut durch die Hütten zieht – Elendsästhetik, die meist an der Grenze zum Voyeurismus operiert. Aber wie geht es anders? Die Regisseurin Mercedes Moncada Rodriguez versucht es mit einer Schönheit, die bis in die Katastrophe reicht: „La sirena y el buzo“ erzählt vom Leben und Überleben der Miskitos, einem Fischervolk an der nicaraguanischen Atlantikküste. Es sind die Dinge des alltäglichen Lebens und Sterbens: Geburt, Spiel, Arbeit, Essen, Krankheit und Heilung, Hosen auf der Wäscheleine, baumlange Boote und das Unergründliche des Meereswasserblaus.

Die Kamera kadriert sorgfältig wie in einem Spielfilm. Das karibische Licht scheint mit Raffinesse gesetzt. Der Rhythmus ist bedächtig, doch flüssig. Gerahmt werden die dokumentarischen Szenen durch eine Märchenerzählung in miskitischer Sprache, die von Seejungfrauen berichtet und den Seelen verstorbener Taucher, die sich in Wasserschildkröten verwandeln. Und dann ist da noch Mitch, jener verheerende Wirbelsturm, der 1998 die Region zerstörte und im Film in einer langen animierten Sequenz ein eigenes Kapitel bildet. Danach gab das Meer keine Fische mehr, heißt es im Märchen. Mercedes Moncada Rodriguez öffnet mit filmsprachlichem Mut einen bisher unbekannten Kosmos der Weltkinematografie: Bausteine einer nicaraguanischen Kinematografie. Silvia Hallensleben

13. 2., 15 Uhr (Arsenal), 14. 2., 15.15 Uhr (Cubix 7), 15. 2., 17 Uhr (Cinestar8)

FORUM

Das Schreien der Schafe:

„Sweetgrass“

Wenn sie blöken, meckern, schreien, hallt das Gebirge von ihrem Echo wieder. Hunderte Schafe drängeln sich die Hänge hoch und füllen die Leinwand, rennende, springende, grasende, kauende, störrische, sich balgende, schlafende Schafe. Schafe in Boxen, Schafe bei der Schur, nackte, frierende Schafe (ein erbärmlicher Anblick) und stakige Schafsbabys, die wegen der Milch fremden Schafsmüttern untergeschoben werden.

Die Anthropologen und Filmemacher Lucien Castaing-Taylor und Ilisa Barbash haben drei Jahre lang in den Absaroka- Bear tooth Mountains in Montana die Arbeit einer der letzten Familien-Ranches mit der Kamera begleitet. Der Almauftrieb mit Pferden und Hunden ist Knochenarbeit, wegen der widrigen Wetter und der Bärengefahr. Tiere verändern den Menschen: Der alte Schafhirte redet mit der Herde wie mit einer Schar hübscher Girls, der jüngere steigert sich in eine minutenlange Tirade von Schafsflüchen hinein und heult seiner Mutter am Handy vor, wie wundgelaufen sein Hund, wie kaputt sein Knie und was für eine Scheißplackerei das ist – ein Telefonat vor atemberaubender Gebirgskulisse. Der Film zum Schafsroman „Glennkill“ – garantiert der beste Tierfilm der Berlinale 2009.Christiane Peitz

13. 2., 17.30 Uhr (Delphi), 14. 2., 12.30 Uhr (Arsenal 1)

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