Kultur : Angeschlagen, nicht ausgezählt

Das Filmfest Venedig steckt in der Krise - trotz Goldenem Löwen für das Ringer-Drama „The Wrestler“

Christina Tilmann

Eine Jury zeichnet immer das aus, was ihr nahe ist, hat ein Kollege prophezeiht. Und dass deshalb Jurypräsident Wim Wenders, der große Kinoreisende zwischen Zonengrenze und Westküste, bestimmt einen Film wählen würde, in dem ein Wohnwagen vorkommt. Nun, Wenders hätte einige Wohnwagen zur Auswahl gehabt: das Liebesnest in der mexikanischen Wüste in „The Burning Plain“, die Behelfsbehausung an der Stadtgrenze in „Vegas“, Wohnwagen auch im brasilianischen Urwald in „Bird Watchers“ oder in der algerischen Wüste in „Gabbla“. Das Festival der Zwischenwelten: auch das war das 65. Filmfest von Venedig.

Wim Wenders und seine Jurykollegen haben tatsächlich einen Film ausgewählt, in dem ein Wohnwagen vorkommt. Es ist ihnen auch nicht viel anderes übriggeblieben. Darren Aronofskys „The Wrestler“, der als letzter Film im diesjährigen Wettbewerb lief, hat das erschreckend maue Programm mit einem einzigen Schlag gesprengt. So wie Westler halt zuschlagen, im Ring, wahlweise mit einem Tisch, einem Plastikstuhl oder einer Rolle Stacheldraht – danach bleibt nicht mehr viel übrig außer Blut und Trümmern. Schön ist das nicht, aber wirkungsvoll. Zur Belohnung gibt’s den Goldenen Löwen.

Es ist die Geschichte einer Wiederkehr. Und es ist der Film des Mickey Rourke, der mindestens mit gleichem Recht auch als bester Hauptdarsteller hätte ausgezeichnet werden können: Er trägt den Film als One-Man-Show. Doch nach den Statuten in Venedig darf ein Film nur einen Hauptpreis gewinnen – eine Regel, die Jurypräsident Wim Wenders bei der Preisverleihung scharf kritisierte und damit für einen Eklat sorgte. Er hätte ihm am liebsten alle Preise gegeben: Rourkes Leistung sei „herzzerreißend im wahrsten Sinne des Wortes“.

Rourke ist Randy „The Ram“, der in den Achtzigern seine großen Erfolge feiert und nun, ziemlich abgehalftert, von Sportclub zu Turnhalle tingelt, um das Publikum mit Schaukämpfen zu unterhalten. Dass der einstige Hollywood-Rebell selbst seit fünfzehn Jahren keinen wichtigen Film mehr gedreht hat, dass er seine Kinokarriere in den Achtzigern aufgab, um Profiboxer zu werden und am Ende nur noch Schlagzeilen machte, wenn er betrunken am Steuer erwischt wurde – das sind Parallelen, die „The Wrestler“ noch eindringlicher machen. „Ich habe in der Scheiße gelebt – und bin froh, dass ich es überlebt habe“, so Rourke in Venedig.

Es ist die Geschichte einer Selbstzerstörung – Körperkult der extremen Art. Lange nicht mehr hat die Kamera dem Fleisch so viel Aufmerksamkeit gewidmet: da werden Achseln rasiert, Haare blondiert, Arme bandagiert, Wunden genäht. Die Rasierklinge, die im Ring den ultimativen Blut-Kick bringen soll, wird präpariert. Und wenn die Kämpfer sich dann mit Tackern und Stacheldraht traktieren, wenn die Körper mit Wucht auf den Boden oder in die Seile klatschen und der Sieger sich am Ende aus zwei Metern Höhe krachend auf sein Opfer wirft, steckt darin mindestens so viel Lust am Effekt wie Risiko der Selbstverletzung.

Die Suche nach dem letzten Kick – war es das, was das etwas in die Jahre gekommene Venedig-Festival wie im Rausch bezwungen hat? Es gibt durchaus Parallelen zwischen Randy „The Ram“ und der Mostra am Lido, die in diesem Jahr so vergangenheitsselig die Alten gefeiert hat und in der Gegenwart so schwach daherkam. Kein Wunder, dass sich die italienische Presse lieber damit beschäftigte, ob das einzige für Venezianer reservierte Vaporetto angesichts der Besuchermassen auch für Touristen geöffnet werden sollte, oder wann die viel geschmähte Brücke von Santiago Calatrava am Hauptbahnhof denn endlich geöffnet werde. Auch die Arbeitsbedingungen in Italien, die unter anderem in dem Film „La fabrica dei tedeschi“ thematisiert wurden, waren Gegenstand täglicher Demonstrationen vor dem Festivalpalast – passenderweise hatte eine Razzia auf dem Festivalgelände offengelegt, dass nicht wenige Mitarbeiter ohne richtigen Vertrag und zu unwürdigen Bedingungen für das Festival arbeiteten.

Im Wettbewerb hingegen war die Stimmung trotz Dauer-Sommerwetter ziemlich finster. Was ist das auch für ein Festival, in dem der umjubelteste Film „Pranzo di Ferragosto“ über vier achtzigjährige römische Ladies in einer Nebenreihe läuft, während der in die Jahre gekommene Selbstdarsteller Adriano Celentano als Superstar gefeiert wird, die Retrospektive mit italienischen Filmen der sechziger Jahre regelmäßig überfüllt ist, und im Wettbewerb sieht man dafür Filme, aus denen man, wie ein italienischer Kollege schrieb, am liebsten nach kurzer Zeit schreiend rauslaufen würde? Die Krise, die auf dem Lido spätestens seit Festivalmitte immer apokalyptischer beschrieben wurde, besteht nicht nur aus gestiegenen Preisen und einem Publikumsrückgang um zwanzig Prozent. Es ist vor allem eine künstlerische Krise.

Da mag Festivalleiter Marco Müller noch so sehr betonen, dass die Ausgangsbedingungen in diesem Jahr besonders unglücklich gewesen seien. Der Drehbuchstreik in Amerika habe die Fertigstellung vieler Filme verzögert: „Die vier, fünf Starfilme, die ein Festival braucht, die gibt es dieses Jahr nicht, auch nicht in Toronto, auch nicht in Rom“, hat er in einem Interview gesagt. Und doch hatte das Festival mit dem US–Beitrag „Burn after Reading“ der Brüder Coen einen verheißungsvollen Start genommen, und auch die vier amerikanischen Beiträge im Wettbewerb waren noch mit die stärksten: die raffinierte Zeitschleife von Guillermo Arrigas „The Burning Plain“, die konsequente Selbstzerstörung einer Familie in „Vegas“, Anne Hathaways seelischer Amoklauf in Jonathan Demmes „Rachel Getting Married“ und die Kriegshelden in Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“. Das waren zumindest die Filme, über die man in Venedig diskutiert hat, leidenschaftlich, uneinheitlich, so wie man es sich wünscht auf einem Filmfest.

Nein, die wahre Krise betrifft das europäische Kino. Es wurde auch bei der Preisverleihung so halbherzig wie unbefriedigend bedacht: eine Coppa Volpi für den besten Hauptdarsteller an Silvio Orlando, der in Pupi Avatis „Il papa di Giovanna“ einen aus Liebe blinden Vater gibt, mehr war nicht drin für das italienische Kino, das mit vier Filmen im Wettbewerb so stark vertreten war. Beste Hauptdarstellerin wurde Dominique Blanc in „L'Autre“ – ein Zugeständnis an das Festivalthema ,leidende Frau’. „Teza“, der äthiopische Beitrag von Haile Garima, erhielt den Spezialpreis der Jury und den Drehbuchpreis – wichtiges Anliegen, überladener Film. Der russische Beitrag „Paper Soldier“, der den Regiepreis und den Kamerapreis erhielt, ist eine späte Tarkowski-Hommage, erlesen fotografiert und doch ein Leerlauf, ein geistiges Aufderstelletreten. Als solches charakteristisch.

Und dass Werner Schroeter, dessen Film „Nuit de Chien“ bei Publikum wie Kritik durchgefallen war, den Preis für sein Lebenswerk erhielt – nun, dieser Preis zumindest war verdient. Wer den schwer kranken Schroeter in Venedig erlebt hat, bleich unter schwarzem Schlapphut, Schatten seiner selbst, der gönnt ihm diesen Preis und alle Anerkennung der Welt. Warum sein Film nicht in der Retrospektive lief, hatte eine italienische Zeitung polemisch gefragt, und ein Kino aus einer anderen Zeit ist „Nuit de Chien“ tatsächlich: große Vergangenheit, schwache Gegenwart. Der passende Film für diesen Wettbewerb. Es gibt durchaus Parallelen zu Randy „The Ram“.

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