Kultur : Angraben, ausgraben

Ein

Sex in Oberfranken ist eine komplizierte Sache. Fast ausnahmslos sind Richard Wagners Helden Liebesflüchtlinge, sie sterben lieber, als das Leben zu genießen, und wenn sie sich hingeben, dann dem Schmerz. Die Musik aber straft sie Lügen – da ist ein Wogen und Wallen, ein Auf und Ab, dass einem die Sinne schwinden. Unter dem Grünen Hügel von Bayreuth prasselt das Venusfeuer der Sublimation. Oberfränkisch, unterirdisch: Im Landkreis Bamberg, an einem geheim gehaltenen Ort, birgt die Erde eine archäologische Sensation. Bis zu 12 000 Jahre alt soll die steinzeitliche „Lusthöhle“ sein, von der die „Zeit“ berichtet – eine fünf Meter lange Grotte, prall gefüllt mit Kalkablagerungen in Form von weiblichen und männlichen Geschlechtsteilen. Die Felsstücke sind, um der Deutlichkeit willen, von Menschenhand so graviert, dass der Hohlraumbeauftragte des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, Bernhard Häck, aus dem Schwärmen nicht herauskommt. Er spricht von einem Ort voller Magie, von einer Kapelle, in der sich erotische Initiationsriten abgespielt haben. Die Höhle ist in privatem Besitz und wird wahrscheinlich nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Forscher bereiten aber eine umfangreiche Dokumentation vor. Auch der Mensch der Neuzeit sucht Höhlen auf, wenn er Anregung sucht, dunkle Räume, in denen die Fantasie sich ungehindert entfaltet und die Hände nicht nur zum Popcorneimer gehen. Man nennt es Kino. In Buenos Aires ist ein Pornofilmchen aus dem Jahr 1946 mit der damals 20-jährigen Norma Jean Baker aufgetaucht. Das sechsminütige Artefakt aus der Bronzezeit der Filmkunst soll Nacktaufnahmen der Schauspielerin enthalten, die später unter dem Namen Marilyn Monroe bekannt wurde. Demnächst soll der Fund, dessen Echtheit das American Film Institute bestätigt, versteigert werden, erwartet wird ein Erlös von einer Million Dollar. Sex sells, das ist klar. Aber woher rührt das freudige Erschrecken, wenn die Vergangenheit intime Geheimnisse preisgibt? Vielleicht wird man bei solchen Gelegenheiten daran erinnert, dass es vor den Sitten immer schon den Verfall gab. Erst angraben, dann ausgraben. Göttinnen in Stein gemeißelt und auf Zelluloid – der Mensch ist ein Höhlentier.

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